Bruchstelle

Viele Unternehmen wünschen sich smarte Fabriken und Produktionsprozesse. Doch es gibt Branchen, in denen der feine Pinselstrich von Meisterhand wichtiger ist als der innovativste 3D-Druck. Mit der Digitalisierung müssen sie so behutsam umgehen wie mit ihren zerbrechlichen Produkten. Ein Besuch der Königlichen Porzellan-Manufaktur, Berlins ältestem Fertigungsbetrieb, zeigt, warum.

KPM 1

Die Vase wirkt mattweiß im sterilen Licht der Produktionshalle, ihre Oberfläche ist noch rau. Mit ihr stehen hunderte des gleichen Typs in den langen Regalen und warten auf den nächsten Bearbeitungsschritt. Seinen charakteristischen Glanz erhält Porzellan erst nach der Glasur und dem Glattbrand mit fast 1400 Grad Celsius. Es ist leise in der Halle. Mittagspause. „Normalerweise geht es hier lauter zu, wenn die Öfen und alle Schleifmaschinen laufen“, erklärt Andreas Gebauer. Er ist groß gewachsen, die langen, braunen Haare zu einem Zopf gebunden. Sein Dialekt verrät ihn sofort als Berliner. Gebauer ist stellvertretender Produktionsleiter der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin – dem ältesten produzierenden Unternehmen der Hauptstadt. Seit 1763 entstehen hier Tassen und Teller, Vasen und Skulpturen von Hand. Angeliefert werden nur die Rohstoffe für die Porzellanmasse: Kaolin, Quarz und Feldspat. Die exakte Rezeptur hält die KPM geheim. So wie Coca-Cola seine Formel „7X“.

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In den Ausstellungsräumen der KPM, zwischen den sorgsam aufgereihten Service aus der Bestsellerserie Urbino oder der Kollektion Berlin, treffen wir Jenja Carow. Der Marketingchef der Manufaktur bildet mit seinem perfekt sitzenden, dunkelblauen Anzug und dem rosa Einstecktuch einen Kontrapunkt zu der Arbeit nur wenige Räume weiter. Carow stieß erst vor zwei Jahren als damals 34-Jähriger von Sony zur Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin. Ein auf den ersten Blick ungewöhnlicher Wechsel. Was ihn dazu bewogen hat, wollen wir von ihm wissen. „Ich war bei Sony für die Vermarktung von Kameras zuständig. Wir hatten da Produktlebenszyklen von maximal zwölf Monaten, hier sind es 225 Jahre.“ Für ihn gehe es nicht mehr um die Kommunikation schnelllebiger USPs, sagt Carow, sondern um Werte und Emotionen. „Das macht meine Arbeit extrem spannend.“ Denn Innovationen hat auch die KPM zu bieten.

KPM Vasen
KPM Maler
KPM Pinsel

Wir haben nicht erwartet, dass das so ein Erfolg wird“, sagt Gebauer mit Blick auf die elf mal 19 Zentimeter große Schale mit der so charakteristischen Form, die man in den Produktionshallen der KPM nicht erwarten würde. Und doch: Die Currywurstschale aus Porzellan ist momentan ein Renner. „Wir stellen permanent Formen dafür her“, erklärt Gebauer. Die Kollegen seien schon froh, wenn sie mal etwas anderes machen dürften, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu. Das Design ist der Wellenform einer klassischen Pappschale nachempfunden, gepaart mit dem typischen Relief der 225 Jahre alten Serie Kurland. Zu deren Jubiläum wurde die Schale im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Berliner Kultimbiss Curry 36 gewissermaßen als Gag vorgestellt. Mittlerweile ist sie zum Bestseller avanciert. Diesen Weg hat der Kaffeefilter aus Porzellan noch vor sich: Die neueste Entwicklung aus dem Hause KPM wurde erst jüngst mit dem renommierten „iF Gold Award“ ausgezeichnet. Der Filter ist eine echte Innovation: Er ist der erste doppelwandige Thermofilter der Welt. Der Hohlraum sorgt dafür, dass das Wasser über die gesamte, minutiös abgestimmte Extraktionszeit des Kaffees die optimale Temperatur hält. Für die Entwicklung wurden Experten der Berlin School of Coffee zu Rate gezogen. Als Berliner bleibt man eben gerne unter sich.

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„Das Schlagwort Digitalisierung beschreibt für mich vor allem einen gesellschaftlichen Prozess, in dem wir uns nun schon länger befinden. Deshalb müssen wir uns selbstverständlich mit dem Thema beschäftigen“, sagt Carow. Er spricht in diesem Zusammenhang gern von einer Reise, auf der sich das Unternehmen befindet. Das wird er an diesem Vormittag noch häufig betonen. Der Marketingchef sitzt zurückgelehnt, die Beine lässig überschlagen. Die KPM habe schon den einen oder anderen Meilenstein erreicht, sagt er, man habe allerdings gar nicht den Anspruch, zu den Frontrunnern zu gehören. „Digitalisierung beschreibt für mich keinen Zustand, den Sie erreichen können und dann ist der Job ‚done‘. Das ist ein dynamischer Prozess.“ Die digitale Transformation geschieht bei der KPM vor allem in Vertrieb und Marketing. „Wir haben wahnsinnig viele Storys, die wir erzählen können, die wir erzählen wollen und die wir auch erzählen müssen, um zu erklären: Warum kostet die Tasse das, was sie kostet?“, so Carow. Die digitalen Medien geben dem Marketingteam der Manufaktur neue Möglichkeiten, Kunden gezielt anzusprechen. Stichwort: Influencer Marketing in Social Media. Dass man auf einer Reise auch mal falsch abbiegt, gehört zum Prozess. „Wir haben Social Media eine Zeit lang als Gesamtheit gesehen, hatten ein Instagram-Profil, waren bei Twitter aktiv und bei Pinterest auch. Dann haben wir deutlich gemerkt, dass uns das überfordert“, gibt Carow zu. Konsequenz: Heute konzentriert sich das Traditionsunternehmen an der Wegelystraße in Berlin-Mitte auf Facebook. Mit Erfolg: Fast 10000 Personen gefällt die Seite mit vielen Fotos und immer mehr Bewegtbild.

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In dem kleinen Raum riecht es nach ätherischen Ölen. Auf einem der Schreibtische liegt ein Stapel Hörbücher, doch das Radio ist stumm. Die Atmosphäre in der Malerei der KPM: konzentriert. Auf den Tischen reihen sich Öl-Fläschchen an Pinsel, Spachtel an Vorlagen. 36 Maler bringen die Blumen und Landschaftsgemälde auf die Tassen und Vasen, ausgestattet sind sie mit einem hohen Maß an künstlerischer Freiheit. „Die Bouquets etwa sind nur grob vorgegeben. Jedes Stück ist am Ende ein Unikat“, erklärt Gebauer. Und zwar eines, das sich nicht über Nacht herstellen lässt. Rund drei bis vier Monate dauert es, bis etwa die große blaue Vase, die vor uns steht, fertig ist. Vorher geht sie bis zu acht Mal in den Malereibrand. Vasen wie diese, mit aufwendigsten, zum Teil weltbekannten Gemälden, haben ihre Abnehmer vor allem in Fernost. „Wohlhabende Asiaten statten sich unheimlich gern mit europäischen Produkten aus. Unsere Vasen stehen bei ihnen ganz hoch im Kurs“, erläutert der stellvertretende Produktionschef. Doch auch wenn der Kunde König ist: Die KPM macht nicht alles. „Es gibt gestalterische Anfragen, da sind wir konsequent und sagen: Sorry, das passt nicht zu uns“, sagt Gebauer. „Natürlich wollen wir Geld verdienen. Aber nicht um jeden Preis.“

 »Wir haben wahnsinnig viele Storys, die wir erzählen können, erzählen wollen und auch erzählen müssen«

– Jenja Carow, KPM Berlin

KPM Carow

Würden wir für die digitale Reise der KPM „Ich packe meinen Koffer“ spielen, stünde ganz oben auf der Liste ein CRM-System. „Wir haben zwar eines, es ist aber nicht mehr State of the Art“, sagt Jenja Carow. IT-Abteilung und Marketing arbeiten derzeit Hand in Hand an einer neuen, ganzheitlichen Lösung. Nicht ganz einfach für ein mittelständisches Unternehmen, das die finanziellen und personellen Ressourcen fest im Blick behalten muss. Im Reisegepäck findet sich zudem ein neuer Online-Auftritt – dynamischer, emotionaler und vor allem Device-übergreifend soll er sein. Virtuelle Showrooms wären auch so ein Feature, das Jenja Carow gut gefallen würde. Der Marketingchef zeigt allerdings auch klar die Grenzen der Digitalisierung in einem Handwerksbetrieb wie der KPM auf. In der Produktion sind 3D-Drucker, die Porzellantassen in adhäsiven Verfahren Schicht für Schicht herstellen, Stand heute völlig ausgeschlossen. Die KPM bekenne sich zu ihrem gesellschaftlichen Auftrag, betont Carow. „Wir bilden hier jedes Jahr – insbesondere im Bereich der Malerei – in Berufen aus, die es nicht mehr häufig gibt. Diese Ausbildungsberufe werden wir auf alle Fälle erhalten.“

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Ich fahre mit dem Finger langsam über den Fuß der Untertasse, die frisch aus dem Glattbrand kommt. Noch ist er rau. „Die Unterseite ist vielen Käufern nicht wichtig. Daran erkennt man billiges Porzellan“, erläutert Andreas Gebauer. Bei der KPM wird der Fuß, der vor dem Brand von der Glasur befreit wird, damit er nicht am Boden festbrennt, glatt geschliffen und erhält eine schöne Ansatzkante. „Würden wir das nicht machen, könnten wir am Markt nicht bestehen. Unsere Kunden haben ein Recht auf hohe Qualität.“ Handwerkliche Perfektion wird großgeschrieben. Und dann sagt Gebauer den vielleicht wichtigsten Satz des Tages: „Man muss als Manufaktur immer das machen, was die Industrie nicht leisten kann.“ Uns wird bewusst, dass wir uns bisher die falsche Frage gestellt haben. Denn diese lautet nicht: Wie weit muss sich ein Traditionsunternehmen wie die KPM digitalisieren, um weiter bestehen zu können? Die richtige Frage muss heißen: Wie weit darf sie sich digitalisieren? Mit dieser Erkenntnis gehen wir zurück in den Nieselregen von Berlin und lassen die Maler, Modelleure und Keramiker so weiter arbeiten, wie sie es seit 250 Jahren tun: mit ihren Händen.

Von Pascal Nagel und Ralf Bretting

Bilder: Claus Dick