#waldgezwitscher

Im Projekt „Twittering Trees“ vernetzen Wissenschaftler die Natur mit der digitalen Welt. Die interessierte Öffentlichkeit erfährt in Echtzeit, wie sich der Klimawandel auf die heimischen Ökosysteme auswirkt.

Stitched Panorama

„Der Wald stirbt.“ Diese unheilvollen drei Worte zierten vor gut 35 Jahren das Titelblatt des „Spiegel“. Damals trieb die Sorge um die Gesundheit der heimischen Wälder zehntausende auf die Straßen und war Ausgangspunkt für den politischen Erfolg der Grünen. Mittlerweile ist klar: Saurer Regen und Umweltverschmutzung konnten dem deutschen Wald kaum etwas anhaben. Im Gegenteil: In den letzten zwanzig Jahren hat sich das Wachstum der Wälder eher beschleunigt. Heute bedeckt der Wald gut ein Drittel der Fläche der Bundesrepublik – mit 11,4 Millionen Hektar fast eine Million mehr als 1981. Doch in der Gegenwart stellt nicht saurer Regen, sondern eine viel globalere Entwicklung eine Bedrohung für die Wälder dar: der Klimawandel. Die zunehmende Erderwärmung bringt Ahorn, Fichte und Co. zum Schwitzen – Baumarten, die sich nur langsam auf neue Lebensbedingungen einstellen können. Prognosen des Weltklimarates zufolge könnte bis zum Ende des Jahrhunderts die Temperatur in Deutschland um 3,5 bis 4,5 Grad im Schnitt gegenüber den Referenzjahren 1971 und 2000 zunehmen. Klimaforscher und Waldökologen treibt die Angst vor intensiven Trockenperioden um, die in Zukunft am intakten Ökosystem Wald merklich nagen werden.

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Das Problem: Während vor 30 Jahren die Angst um die grüne Lunge Deutschlands einen breiten Gesellschaftsdiskurs in Gang setzte, scheinen die Sorgen der Pflanzenforscher heute nur eingeweihte Kreise zu interessieren. Die Masse rühren vor allem die traurigen Augen arktischer Eisbären. Um eine möglichst breite Öffentlichkeit auf die Folgen extremer Klimaveränderungen für die heimische Flora aufmerksam zu machen, setzen Wissenschaftler vermehrt auf digitale Medien und auf die kommunikative Macht des Internets. Forstökologen und Klimafolgenforscher des europäischen Netzwerks „STReESS“ haben ein Projekt zum Monitoring von Baumaktivitäten begonnen, bei dem der Microblogging-Dienst Twitter eine öffentlichkeitswirksame Rolle spielen soll.

Die Forscher statten einzelne Bäume mit Messfühlern und Sonden aus, die die Vitalwerte der Bäume in Echtzeit und in Netzsprache an das soziale Medium senden. So entstehen zweimal pro Tag Tweets wie „Mein Saft hat begonnen, zu fließen“ oder „Heute bin ich 0,036 mm geschrumpft, habe 26,1 Liter Wasser mit einer Höchstgeschwindigkeit von zwei Litern pro Sekunde transportiert“. Der Twitter-Account wird von drei Messgeräten versorgt, die den Wassergehalt des Bodens, die Fließgeschwindigkeit des Zellsaftes und das Baumwachstum aufzeichnen. „Es existieren weiterhin zahlreiche Wissenslücken, was die Reaktion von Bäumen auf veränderliche Umgebungsfaktoren wie das Klima angeht“, erklärt Ute Sass-Klaassen, Koordinatorin des Forschernetzwerks, dem rund 350 Wissenschaftler aus mehr als 100 Einrichtungen in 24 Ländern angehören. Die „Twittering Trees“ sind weit mehr als ein PR-Gag im Netz: „Das Projekt ist keine Spielerei, das ist harte Grundlagenforschung. Die Methode liefert wertvolle Informationen zum Fortschritt des Klimawandels“, betont Sass-Klaassen.

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Entscheidend für das Forschungsprojekt ist neben dem Öffentlichkeitseffekt die Möglichkeit zur Datensammlung in Echtzeit. Denn bisher haben Forscher den Einfluss von anhaltender Trockenheit nur aus der Reaktion der Bäume ablesen können. „Vielfach laufen wir den Bäumen nur hinterher“, sagt Andreas Bolte vom Thünen-Institut für Waldökosysteme in Eberswalde. „Zwar können wir beobachten, dass sich die Blätter zusammenrollen oder vom Baum fallen, doch dann ist physiologisch das Meiste schon passiert. Mit dem Realtime-Ansatz können wir frühzeitig die Warnsignale des Baumes erkennen.“ Die Veröffentlichung der Daten auf Twitter ist für die Wissenschaftler in erster Linie ein Vehikel: Die Twittering Trees sollen eine edukative Wirkung für Menschen haben, die mit den wissenschaftlichen Details überfordert wären. „Über Twitter kommen wir viel dichter an die Menschen heran. Jeder kann live verfolgen, wie es dem Baum geht“, erklärt Projektkoordinatorin Sass-Klaassen und betont: „Wir haben unbedingt die Lobby aus der Bevölkerung nötig.“

Pflanzen mit dem Cyberspace zu verbinden, ist derweil kein komplett neuer Ansatz. Auf dem Mobile World Congress 2010 präsentierte Sony Ericsson den „Connected Tree“, der vorbeigehende Menschen über Veränderungen im umgebenden elektromagnetischen Feld wahrnimmt und daraufhin seine Stimmungslage via Twitter kundtut. Auch die Uni Erlangen ließ bereits 2011 eine Eiche twittern. Die „STReESS“-Forscher wollen das europäische Netzwerk, das mittlerweile aus sieben zwitschernden Bäumen besteht, trotz schmalem Budget weiter ausbauen: „Es gibt Pläne, die Vernetzung in fünf weiteren europäischen Ländern voranzutreiben“, sagt Sass-Klaassen. „Wenn wir Bäume an verschiedenen Standorten in unterschiedlichen Umgebungen haben, können wir beispielsweise den Verlauf von Dürreperioden besser nachvollziehen.“ Später sollen – ähnlich wie bei der Wettervorhersage – präzise, hochaktuelle Karten der Baumreaktion auf Klimaschwankungen entstehen. Bis dahin müssen sich freilich noch einige Eichen und Fichten mehr einen Twitter-Account zulegen.

Von Yannick Polchow

Bilder: Flickr/b0bbyriggs (creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0), Twitter/ @connectedtree