Die E-Esten kommen

Der kleine nordbaltische Staat Estland sprengt seine geografischen Grenzen und gewährt Unternehmern eine virtuelle Staatsbürgerschaft. „e-Residency“ ist ein weltweit einmaliges Programm und positioniert das Land als lukrativen Firmensitz. Gründung, Vertragsabschlüsse, Bankgeschäfte, Steuererklärungen – alles läuft digital.

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Estland gilt in der EU als digitaler Musterschüler. Zu Recht. Nirgendwo sonst gibt es flächendeckend schnelleres Internet, der Zugang zum Web ist ein garantiertes Grundrecht für jeden Bürger. Der Staat hat in den letzten 25 Jahren eine beispiellose Bandbreite an Leistungen der öffentlichen Hand in digitaler Form optimiert und bietet heute über 600 E-Services an. Seit 2007 ist selbst die Stimmabgabe bei den Parlamentswahlen online möglich. Die Wirtschaft steht der digitalen Dynamik in nichts nach: Estland verfügt über eine florierende IT-Startup-Kultur und hat Unternehmen wie Skype, Hotmail oder den Online-Überweisungsdienst TransferWise hervorgebracht. Lässt sich das noch toppen? Ja. Taavi Kotka, seit 2013 CIO der estnischen Regierung und digitaler Vordenker, möchte das Wirtschaftswachstum seines Landes von derzeit etwas mehr als zwei Prozent im Jahr ankurbeln, indem er virtuelle Staatsbürgerschaften vergibt.

Trotz aller digitalen Errungenschaften hat Estland nämlich noch mit zwei sehr analogen Problemen zu kämpfen: Die Geburtenrate ist niedrig und die Bevölkerung wächst seit Jahren nicht. Realökonomisch zulegen könnte das Land nur durch Zuwanderung – aber auch hier tut sich nicht viel, trotz vereinfachter Immigrationsgesetze. Vielleicht liegt es an den langen Wintern und kalten Sommern? Im Juli klettert die Durchschnittstemperatur in der Hauptstadt Tallinn gerade mal auf 17 Grad Celsius.

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„Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, kommt der Berg eben zum Propheten“, beschreibt Taavi Kotka die einfache Philosophie hinter seinem Programm „e-Residency“. „In unserem digitalen Zeitalter macht es keinen Sinn mehr, eine Volkswirtschaft über geografische Staatsgrenzen zu definieren.“ In den Genuss der vielen Vorteile, die Estland speziell Unternehmen mit digitalen Geschäftsmodellen bietet, sollen möglichst viele Personen auf der ganzen Welt kommen. Wer registriert und überprüft ist, erhält eine digitale Identität und ist in Estland voll geschäftsfähig: Firmengründungen, Bankgeschäfte, Vertragsabschlüsse, Steuererklä­rungen – alles ist papierlos möglich, auch von außerhalb des Landes.

Spezialisierte Servicefirmen helfen, sollte eine physische Adresse vor Ort benötigt werden. So wie beispielsweise für Manu Sporny. Der CEO des digitalen Bezahldienstes Digital Bazaar mit Hauptsitz im US-Bundesstaat Virginia will nach Europa expandieren und hat die E-Residenz online auf der Seite https://apply.e-estonia.com beantragt. Mit seiner neuen digitalen ID-Nummer, einer Chipkarte und einer PIN kann er nun Geschäfte innerhalb der EU rechtswirksam durchführen. „Estland scheint uns der ideale Standort zu sein, um unsere Europazentrale zu errichten“, sagte Sporny nicht ohne Stolz, als er Mitte Mai in der estnischen Botschaft in Washington seine Unterlagen abholte. Die Zahl der virtuellen Staatsbürger hat inzwischen die Marke von 10000 überschritten. Bisher sind Anträge aus 129 Ländern eingegangen, die meisten kamen aus Finnland, Russland, den USA und der Ukraine. In den letzten eineinhalb Jahren haben die E-Esten 560 neue Firmen gegründet und sind Eigentü­ mer von 1155 in Estland registrierten Unternehmen.

„Über e-Residency kann jeder Bürger der Welt eine behördlich gewährte digitale Identität und so die Möglichkeit erhalten, über das Internet eine Firma zu leiten und sein ganzes unternehmerisches Potenzial weltweit zu entfalten“, sagt Programmleiter Kaspar Korjus und bekräftigt, dass noch lange nicht Schluss sei. „Wir sind fest davon überzeugt, dass dies alles nur der Anfang einer neuen Ära für eine grenzenlose digitale Gesellschaft ist. Da werden sich bestimmt noch großartige Möglichkeiten auftun.“ Bis 2025 will Estland auf zehn Millionen virtuelle Einwohner kommen. Ob es den baltischen Staat dann überhaupt noch geben wird? Visionär Taavi Kotka hat schon die nächste Stufe seiner Dematerialisierungsrakete gezündet und plant, virtuelle Daten-Botschaften in anderen Ländern zu eröffnen. Auf verteilten Servern will er all die Informationen speichern, die Estland als Gemeinwesen ausmachen. „Country as a Service“ nennt er diese Initiative. Die ersten Partnerländer sind Großbritannien, Deutschland, Kanada, Brasilien und Australien.

Von Ralf Bretting

Bild: Enterprise Estonia

Estland.
Die E-Gesellschaft

Die Republik Estland konnte nach ihrer Unabhängigkeit von Russland Anfang der 1990er Jahre nur überleben, weil sie konsequent digitalisiert hat. Der nördlichste der drei baltischen Staaten hat eine Fläche von 45 227 Quadratkilometern und ist damit etwas kleiner als Niedersachsen. Allerdings liegt die Einwohnerzahl nur bei rund 1,3 Millionen – etwa gleich viele wie München. Nach dem Ende der Sowjetherrschaft war schnell klar, dass der Staat Verwaltungsdienste nicht flächendeckend anbieten konnte. Nicht in allen Kommunen gab es Behörden und Ämter. Die Politiker machten aus der Not eine Tugend: Sie vertrauten den Möglichkeiten des Internets, setzten auf digitale Innovationen und machten Estland Schritt für Schritt zu einer der fortschrittlichsten E-Gesellschaften der Welt.