Die Weltverbesserer

Die großen Tech-Visionäre aus dem Silicon Valley greifen weiter nach den Sternen. Getrieben von einem unerschütterlichen Fortschrittsglauben wollen Elon Musk, Mark Zuckerberg, Larry Page und Jeff Bezos die Menschheit beglücken, sie vernetzter, gesünder und gebildeter machen. Philanthropie, Größenwahn oder Geschäftsmodell?

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Im Taxi zum Moskauer Flughafen herrscht eine Stinklaune. Es ist Februar 2002 und Elon Musk und sein Team haben ein ausführliches Verhandlungsritual über sich ergehen lassen, mit Wodka und üppigen Würsten zum Brunch, dichten Tabakwolken und Kaffee als Nachtisch. Doch am Ende mussten sie feststellen, dass man sie nicht ernst nahm. „Woran seid ihr nun interessiert?“, fragte einer der russischen Geschäftsleute endlich, als den Besuchern schon die Geduld ausging. Auf Musks Einkaufszettel standen drei Interkontinentalraketen. Zuhause in den USA wollte er sie für den Raumflug umrüsten. „Einer der Chefdesigner spuckte Elon und mich an, weil er dachte, wir würden ihn verarschen“, erinnert sich Jim Cantrell, den Musk wegen seiner Erfahrung mit Regierungsprojekten angeheuert hatte.

20 Millionen Dollar hatte sich Musk für den Raketendeal zurechtgelegt, doch die Russen wollten mehr. „Sie saßen da, schauten ihn an und sagten so etwas wie ‚Kleiner Junge, nein‘“, erinnert sich Cantrell. Daraufhin brach Musk das Meeting ab und es ging zurück zum Flughafen. Doch das war erst der Anfang, wie Ashlee Vance in der Biografie „Elon Musk: Tesla, PayPal, SpaceX“ schreibt. Mit der Ankündigung „Hey, Leute, ich glaube, wir können die Rakete selbst bauen“ präsentierte Musk im Flieger kurz nach dem Start eine Excel-Tabelle, die eine detaillierte Kostenaufstellung über Materialien, Produktion bis hin zum Start einer mittelgroßen Rakete enthielt, mit der er die Konkurrenz unterbieten wollte. Der Rest ist Geschichte.

Heute transportiert SpaceX mit der Falcon 9 Satelliten in den Orbit und liefert mit dem Raumschiff Dragon Fracht an die Internationale Raumstation. Dragon V2 soll bis zu sieben Personen befördern können. Anstatt auf Regierungen zu warten, hat ein Privatunternehmen den Transport in den Weltraum selbst in die Hand genommen. Seinen Plan, die Erforschung des Alls erschwinglicher zu machen, vergleicht Musk gerne mit der beliebten US-Billigfluglinie Southwest Airlines – und inspiriert damit Wissenschaftsbegeisterte weltweit. Inzwischen verfolgen Millionen von Menschen die Starts und Landungen über Livestreams und brechen auf sozialen Medien in Begeisterungsstürme aus, wenn alles glatt läuft.

»Hey, Leute, ich glaube, wir können die Rakete selbst bauen«

– Elon Musk, CEO SpaceX

Musk ist nicht alleine. Bereits im Jahr 2000 begann Amazon-Gründer Jeff Bezos mit dem Aufbau des Raumfahrtunternehmens Blue Origin. Dessen wiederverwendbare Rakete New Shepard soll ab 2018 Fracht und auch Personen in den suborbitalen Weltraum transportieren. Parallel zu SpaceX stampfte Musk Tesla aus dem Boden. Mit Beschleunigungswerten, die man bis dahin nur von Sportwagen kannte, galten die umweltfreundlichen Elektroautos praktisch über Nacht als cool. Die 373 000 Vorbestellungen (Stand: Mitte Mai) für das Model 3, dessen Bau erst 2017 beginnen soll, lehren Luxusautomarken das Fürchten. Scheinbar nebenbei will Musk auch noch den Energiemarkt aufmischen.

Mit einer bedrohlichen CO2-Sättigungskurve im Hintergrund, stellte er 2015 die Solarbatterien Powerwall und Powerpack für Privathaushalte und kommerzielle Gebäude vor. Musks Kalkulation: Mit zwei Milliarden Stück dieser Solarbatterien könnte die ganze Welt vom Stromnetz gehen. Unmöglich? „Uns sind solche Dinge auch schon in der Vergangenheit gelungen“, bügelt der Visionär Zweifler ab. Diese grenzenlose Begeisterung für die Möglichkeiten der Technologie und ein tiefer Zukunftsglaube gehören im Silicon Valley zur Grundstimmung. Gepaart mit der Überzeugung, dass sich die Welt nie wieder langsamer verändern wird, sondern mit noch größerem Tempo als in den letzten Jahren.

Ein draller Optimismus und satte finanzielle Mittel ziehen die schlauesten Köpfe an. Zehntausende Dollar-Millionäre und an die 50 Milliardäre leben in der Bay Area von San Francisco, wo sie ihre Neugier schweifen lassen und nach neuen Herausforderungen suchen. Immer wieder hieß es, das Silicon Valley würde seinen Glanz irgendwann verlieren. Das Gegenteil ist der Fall. Die örtliche Talentschmiede Stanford University sorgt beständig für Nachwuchs, die scheinbar unerschöpflichen Geldströme in Richtung Silicon Valley stellen den entsprechenden Anreiz sicher, in Kalifornien zu bleiben. Grundsätzlich hat das Internet Kommunikation, Informationsverteilung und damit auch Geschäftsmöglichkeiten demokratisiert. Dennoch schickt die Welt Jahr für Jahr Milliarden ins kalifornische Tech-Tal: Mehr als die Hälfte des 75 Milliarden-Dollar-Umsatzes, den die Google-Holding Alphabet 2015 verbucht hat, stammt aus Übersee.

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Weil sich IT und Biologie immer weiter annähern, haben viele der großen Ideen im Silicon Valley heute mit Gentechnik und Medizin zu tun. Mit seinem Forschungsarm X hat sich Alphabet sogenannte Moonshots zum Unternehmensgegenstand gemacht: ehrgeizige, längerfristig angelegte Projekte, die ein wenig an Sciencefiction erinnern. Unter Google-Mitarbeitern machte immer wieder der Scherz die Runde, dass Gründer Larry Page bereits in der Zukunft lebe und nur zurückkäme, um davon zu berichten. Ob und wie bei den Projekten von X Geld abfallen soll, scheint vordergründig niemanden zu interessieren. Allerdings ist Astro Teller zuversichtlich: „Wenn man versucht, die Welt für alle Menschen besser zu machen, ist das immer ein richtig gutes Geschäft“, erklärte der X-Chefforscher in der ZDF-Doku „Schöne neue Welt“.

Im Biowissenschaftsbereich Verily (früher Google Life Sciences) arbeiten Forscher zum Beispiel daran, das Gesundheitswesen von Nachsorge auf Vorsorge umzustellen. So soll eine Kontaktlinse mit eingebautem Glukosesensor den Blutzuckerspiegel anhand der Tränenflüssigkeit ablesen. Patienten könnten so ihre Werte buchstäblich besser im Auge behalten. In einem anderen Projekt wird an Nanosensoren gearbeitet, die sich durch die Blutbahnen bewegen und Alarm schlagen sollen, wenn sie Krebsmarker, erste Anzeichen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder einfache Infektionen ausfindig machen. „Jeder Test, für den Sie heute zum Arzt gehen, wird mit diesem System möglich sein. Das ist unser Traum“, erklärte Andrew Conrad, Direktor von Verily, auf der Konferenz WSJD Live. Wie lange das noch dauert? „Ich glaube, es wird noch Jahre dauern, nicht Jahrzehnte“, so Conrad.

Damit Menschen gesünder älter werden können, sind Informationen, Bildung und der Zugang zum Internet notwendig. Deshalb setzt die von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und seiner Frau Priscilla Chan ins Leben gerufene Chan-Zuckerberg-Initiative unter anderem bei der digitalen Kluft an. Gemeinsam mit GV, dem Venture-Capital-Arm von Alphabet, stieg die stiftungsähnliche Organisation zuletzt bei Andela ein. Das afrikanische Startup fördert talentierte Softwareentwickler. Zuckerberg: „Wir leben in einer Welt, in der Talent, nicht aber Chancen gleichmäßig verteilt sind.“ X will die digitale Kluft mit dem Projekt „Loon“ in Angriff nehmen: solarbetriebene Ballone, die in der Stratosphäre ein Kommunikationsnetzwerk bilden und so abgelegene Regionen mit einer Internetanbindung versorgen. Software bestimmt die notwendigen Standorte, den Transport der 15 Meter breiten und zwölf Meter hohen Ballone übernehmen die in dieser Höhe schichtweise wehenden Winde.

Ebenso wie Tesla will auch X den Energiemarkt aufmischen. Beim Vorhaben namens Makani sollen Kites als flexible Windkraftrotoren fungieren, in bis zu 350 Metern Höhe. Die Halteleine in Richtung Bodenstation wird zur Übertragung von Strom und Daten genutzt. Die Vorteile: Günstige Bauweise, geringe Beeinträchtigung der Landschaft und die stärkeren Winde in großer Höhe liefern um rund 50 Prozent mehr Energie. Die Auswirkungen der Google-Projekte alleine könnten enorm sein und von Apps, die Infektionen im Körper überwachen, bis hin zur größeren Angleichung beruflicher Chancen von Menschen in wohlstandsschwächeren Regionen reichen. Hinzu kommen Technologien, über deren Möglichkeiten sich Experten längst einig sind, zum Beispiel virtuelle Realität. Bei entsprechender Qualität könnten Bereiche wie Bildung, Sport, Tourismus und Medizin transformiert werden. 3D-Drucker wiederum haben das Potenzial, die Fertigungsindustrie auf den Kopf zu stellen, und Blockchain – jene Technologie, die hinter Bitcoin steckt – soll alles umkrempeln, vom Finanzsektor bis hin zu herkömmlichen Dienstleistungen.

»Wenn man versucht, die Welt für alle Menschen besser zu machen, ist das immer ein richtig gutes Geschäft«

– Astro Teller, Leiter des Forschungslabors X, Alphabet

Dass sich die Großen im Silicon Valley ans Verbessern der Welt machen, ist aus Sicht von Susie Cagle überfällig. Die Journalistin glaubt, das Internet hätte viel mehr Menschen Zugang zu Wohlstand verschaffen sollen. „Aber in Wahrheit hat es dazu beigetragen, Macht und weltweiten Reichtum weiter zu konzentrieren“, schreibt Cagle in der „New York Times“. Dabei könnte so viel Gutes entstehen: Uber ohne Ausbeutung der Fahrer, Facebook ohne Datenschnüffeleien. Doch so lange alles dort stattfände, wo das Geld zusammenläuft, hätten solche Konzepte keine Chance: „Damit Netzwerke ihr wahres Potenzial erreichen, müssen sie von jenem Finanzsystem entkoppelt werden, das das Silicon Valley am Laufen hält“, ist Cagle überzeugt. In der Zwischenzeit fließen horrende Geldströme scheinbar ungebremst ins Valley. Von den 20 teuersten Tech-Unternehmen war 2015 kein einziges aus Europa dabei. Zwölf kommen aus den USA und nur eines davon hat seinen Sitz außerhalb des Silicon Valley.

Seit Jahrzehnten reisen Delegationen aus der ganzen Welt an, in der Hoffnung ein Erfolgsrezept für die Innovationskraft mitnehmen zu können. Doch der Innovationsfunke will nicht so recht überspringen. Zwar florieren StartupHubs auch anderswo. Doch an die ganz großen Ideen traut man sich scheinbar nur im Süden der Bay Area heran. Einer der Unterschiede zwischen Europa und den USA ist der beharrliche Optimismus in den Staaten und damit eine Unbefangenheit, von Großem zu träumen. Amerikaner haben oftmals Argumente für ein Projekt zur Hand, Europäer dagegen. Risikobereitschaft ist in den USA als Einsatz zum Mitspielen anerkannt, Pleitemachen keine Schande, sondern Teil der Lernphase. Häufig wird es schon Kindern mitgegeben, dass sie, wenn sie einmal groß sind, etwas ganz Tolles mit ihrem Leben anfangen können.

Aus Sicht von Yahoo-Chefin und Google-Mitarbeiterin Nummer 20, Marissa Mayer, habe etwa das unternehmerische Draufgängertum bei Google mit der Schulausbildung der Gründer zu tun: „Sie verstehen Google nicht, wenn Sie nicht wissen, dass Larry und Sergey Montessori-Kinder sind“, wird sie im Buch „Google Inside“ zitiert. Autorität habe für die Abgänger der Alternativschule keine Bedeutung, gegen sie aufzubegehren sei eine Art Reflex. Die Stanford University setzt noch einen drauf: Studierende bekommen in jedem Kurs vermittelt, dass schlichtweg alles machbar sei. Wer Inspiration für Träume benötigt, kann Anleihe bei Ober-Visionär Musk nehmen. Dieser hat auch für sein Lebensende große Pläne: Mit SpaceX will er zum Mars fliegen, zuerst, um sich dort umzusehen, und ein zweites Mal, um hinzuziehen. „Ich will auf dem Mars sterben, nur nicht bei der Landung.“ Im Jahr 2002 mögen ihn die Leute für diese Aussage noch belächelt haben, 2016 nicht mehr.

Autorin: Alexandra Riegler

Fotos: Oracle, Valery Marchive, LeWeb, Heisenberg Media, Bloom Energy, Steve Jurvetson, TechCrunch

Quellen Grafiken: OECD, PricewaterhouseCooper, NVCA, Thomson Reuters

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