Das schnelle Geld

Die Blockchain-Technologie, neue Standards bei Instant Payments sowie erweiterte regulatorische Anforderungen setzen Banken und Sparkassen gewaltig unter Druck. Es braucht Innovationen – sowohl in Technik als auch in Geschäftsmodelle –, um Kundenansprüche zu erfüllen und dem wachsenden Wettbewerb aus Richtung Digitalbranche etwas entgegenzusetzen.

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Verschärfte Regulierung, Niedrigzinsen auf Rekordniveau und hoher Kostendruck – die Probleme, mit denen traditionelle Finanzinstitute zu kämpfen haben, sind so vielfältig wie dringlich. Während Banken und Sparkassen ihr Filialnetz ausdünnen und an der Gebührenschraube drehen, drängen progressive Finanztechnologieunternehmen (FinTechs) auf den Markt, die mit neuen Digitalangeboten immer mehr Kunden abziehen.

Dienste wie PayPal, Lufax oder Scalable haben eine große Anzahl an IT-basierten Geschäftsideen entwickelt – für den Zahlungsverkehr, die Kreditvermittlung oder die digitale Vermögensverwaltung. Auf Seiten der neuen Dienstleister wachsen die Umsätze, bei den Kreditanstalten die Sorgenfalten. Laut einer Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) blickt eine Mehrheit der Banken pessimistisch in die Zukunft: Bis zum Jahr 2019 schätzen 58 Prozent der Entscheider die allgemeine Geschäftsentwicklung als negativ ein, nur 20 Prozent zeichnen ein positives Zukunftsszenario für die Branche.

Denn bisher fällt es den Banken noch schwer, mit neuen Produkten und Dienstleistungen auf dem digitalen Finanzplatz zu punkten. Jüngstes Beispiel ist der Online-Bezahldienst Paydirekt, den die deutschen Banken und Sparkassen 2014 aus der Taufe gehoben haben. Zwar hat der Anbieter mittlerweile gut 1,2 Millionen aktive Nutzer, doch das ausgegebene Ziel von sieben Millionen registrierten Kunden bis Ende 2017 liegt in weiter Ferne. Nachdem teure Werbemaßnahmen und warme Worte der Filialmitarbeiter keinen Erfolg gezeigt haben, wird Paydirekt nun automatisch zum Bestandteil des Girokontos bei jeder Sparkasse. Das Problem des Online-Bezahldienstes liegt jedoch tiefer: Von 1000 deutschen E-Commerce-Shops akzeptieren nur rund 50 die Zahlung via Paydirekt. Zum Vergleich: Platzhirsch PayPal hat laut eigenen Angaben 192 Millionen Nutzer und bietet seine Online-Bezahlfunktion mittlerweile in über 200 Ländern an.

Bei der Implementierung digitaler Geschäftsmodelle sieht auch Matthias Frerichs, Leiter Digital Banking der Unternehmensberatung Sopra Steria Consulting, auf Seiten der Geldhäuser noch Verbesserungsbedarf: „Wichtig ist vor allem die ergebnisoffene Herangehensweise und die Suche nach Mehrwerten für Kunden – ein reines Überstülpen neuer Technologien auf alte Geschäftsmodelle führt für die Bank nicht zum besten Ergebnis. Digitalisierung zeichnet sich vor allem dadurch aus, Hypes, die eine Relevanz für das Geschäftsmodell haben, zu verproben – nur so kann man die Substanz hinter einem Trend erkennen.“

Auf Seiten der FinTechs ist jedoch auch nicht alles Gold, was im Lichte der Digitalisierung glänzt. Vielen neuen Finanzunternehmen fehlen beim sensiblen Geldgeschäft die Kompetenzen für IT-Sicherheit und Datenschutz. Exemplarisch dafür steht der Fall des Bank-Startups N26: Das Berliner Unternehmen wurde 2013 gegründet und hat sich auf das Banking per Smartphone-App spezialisiert. Die Direktbank zählt in 17 Ländern mittlerweile mehr als 300000 Kunden – knapp 60 Prozent davon jünger als 35 Jahre.

Ende 2016 geriet N26 wegen erheblicher Sicherheitslücken jedoch in die Schlagzeilen. Dem IT-Experten Vincent Haupert war es mit verschiedenen Endgeräten gelungen, über die N26-App Überweisungen zu manipulieren, ganze Accounts zu übernehmen und damit Transaktionen auszuführen. „Obwohl die IT-Sicherheit notwendiger denn je ist, hat sie die Eigenschaft der Nichtfunktionalität: Sicherheitsmerkmale bieten für den eigentlichen Produktgegenstand keinen Mehrwert“, sagt Haupert. Insbesondere Kapitalgeber und Investoren würden jedoch großen Wert auf einen Marktvorsprung legen, der auf Funktionalität fußt. „Daraus folgt aber eben auch eine implizit geringere Priorisierung der IT-Sicherheit.“

Laut Einschätzung des IT-Sicherheitsexperten sei zwar im Umkehrschluss nicht davon auszugehen, dass etablierte Marktteilnehmer in Sachen Sicherheit immer vorbildlich arbeiten würden. Es ließe sich allerdings beobachten, dass die IT-Sicherheit in den Arbeitsabläufen etablierter Banken besser verankert sei als bei aufstrebenden Startups. Während die alternativen Finanzdienstleister oft über einen überdurchschnittlich internetaffinen Kundenstamm und die passenden Produkte verfügen, fehlen den Unternehmen zum Teil das Knowhow und oft auch die Reputation der klassischen Geldinstitute.

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Viele Geschäftsmodelle der FinTechs sind nach Ansicht von Matthias Frerichs aber gar nicht darauf ausgerichtet, etablierte Banken herauszufordern und zu ersetzen. Oftmals würden sie Services und neue innovative Lösungen anbieten, die Banken bisher nicht in das eigene Portfolio aufgenommen haben. Somit können sich die Unternehmen in die Prozesskette der Banken gut integrieren. Beispiele sind die Video-Legitimation und die elektronische Unterschrift, die sich für Banken allmählich zu den digitalen Zugpferden im Werben um Neukunden entwickeln.

Die gestiegene Attraktivität der FinTechs belegt auch eine Studie der Unternehmensberatung KPMG. Zentrales Ergebnis: Im zweiten Quartal 2017 wurden in Form von Venture Capital, Private Equity oder im Rahmen von Fusionen und Übernahmen bereits doppelt so viele Finanzmittel in FinTechs investiert als im Quartal zuvor. Weltweit ist die Höhe der Investitionen von 3,6 Milliarden auf 8,4 Milliarden US-Dollar gestiegen, in Europa wuchsen die genutzten Finanzmittel von 880 Millionen auf zwei Milliarden US-Dollar. Insbesondere in Europa und in den USA ist unter FinTechs zudem ein Trend erkennbar, sich stärker Middle- und Backoffice-Prozessen zuzuwenden und als Partner von Finanzdienstleistern zu positionieren. Diese Entwicklung dürfte sich in Zukunft sogar noch verstärken, erklärt KPMG-Partner Sven Korschinowski, „weil Banken gemerkt haben, dass sie ihre Kosten drastisch reduzieren müssen“.

Dass es unter den etablierten Playern im Finanzmarkt wenig Kampfbereitschaft gegenüber den neuen Herausforderern gibt, belegt eine Analyse der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers: Zwar möchten 56 Prozent der befragten Finanzdienstleister das Thema Disruption ins Zentrum des eigenen Geschäftsmodells rücken, neun von zehn Unternehmen haben sich allerdings bereits damit abgefunden, Marktanteile an FinTechs zu verlieren. Statt auf Konfrontation zu setzen, stünde bei etablierten Playern eher der Kollaborationsgedanke im Vordergrund. 31 Prozent der weltweit befragten Bankmanager können sich mögliche Synergieeffekte und FinTechs als potenzielle Geschäftspartner vorstellen.

Für Banken wird es in Zukunft nicht ausreichen, Apps und Online-Angebote zu programmieren, um die erfolgreichen Geschäftsmodelle der FinTechs zu kopieren. „Den Anschluss haben Banken vor allem beim Thema Innovationsgeschwindigkeit verloren. Dies ist jedoch kein Phänomen, das ausschließlich in dieser Branche auftaucht. Innovative, neue Unternehmen werden gegenüber großen Unternehmen mit komplexen Entscheidungsstrukturen auch auf Dauer in puncto Geschwindigkeit die Nase vorn haben“, ist sich Matthias Frerichs sicher. Banken sollten daher auf eine ganzheitliche Digitalisierungsstrategie setzen, die das Kundenerlebnis in den Mittelpunkt ihres Handelns stellt.

Autoren: Claas Berlin und Werner Beutnagel

Foto: Shutterstock/Montri Nipitvittaya

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