Das digitale Klassenzimmer

Die Digitalisierung verändert das Bildungswesen. „Wir müssen grundsätzlich die pädagogische Herangehensweise überdenken“, fordert Jörg Dräger, im Vorstand der Bertelsmann-Stiftung für die Bereiche Bildung, Integration und Demokratie zuständig. Im Gespräch mit business impact erklärt er, wie digitale Medien das Lernen individualisieren können und welche Dynamiken auf dem internationalen Bildungsmarkt wirken.

Draeger Titel

¯ Herr Dräger, die Pisa-Studie 2015 hat festgestellt, Computer würden den Schulunterricht nicht automatisch verbessern. Wie stehen Sie zu dieser These?

Das ist keine These, sondern Fakt. Computer oder Tablets im Klassenzimmer bringen gar nichts, wenn kein durchdachtes pädagogisches Konzept dahintersteht. Technik ist kein Selbstzweck, die zentrale Frage muss lauten: Was will ich mit Unterstützung digitaler Medien erreichen? Auch eine Vorlesung gewinnt nicht dadurch an Qualität, dass sie abgefilmt und ins Internet gestellt wird. Letztlich geht es darum, das Lernen zu individualisieren und zu personalisieren.

¯ Damit aber tun sich Lehrer hierzulande schwer. Mangelt es ihnen an Zeit, Wissen oder Zuversicht?

Häufig fehlt die Praxis, Lernen wirklich zu personalisieren. Dafür braucht man digitale Medien. Und die setzt die deutsche Lehrerschaft so selten wie in kaum einem anderen entwickelten Land ein. Hinzu kommt, dass wir zwar Strom und fließend Wasser an den Schulen haben, in der Regel aber kein Netz. Zumindest keine so leistungsfähigen Verbindungen, dass sich alle Schüler gleichzeitig ein Lernvideo anschauen können.

¯ Deutsche Lehrer sind also nicht digital?

Ganz so ist es nicht. Die große Mehrheit nutzt das Internet, um den Unterricht vorzubereiten. Doch sie unterrichten nicht mit digitalen Medien. Die Sorge, dass entsprechende Technologien eher ablenken als Nutzen stiften, ist noch sehr stark verbreitet.

¯ Braucht es grundsätzlich neue Lehrpläne oder muss da jede Lehrkraft für sich allein aktiv werden?

Im Endeffekt kommt es auf die Lehrer an. Aber die brauchen den richtigen Rahmen. Fehlt die nötige Infrastruktur wie beispielsweise WLAN, kann ein einzelner Lehrer gar nichts machen. Und bestehende Handyverbote im Unterricht verurteilen an sich richtige Konzepte wie „Bring your own device“ von vornherein zum Scheitern. Das Problem ist: Wir kommen aus einer Welt der klassischen Wissensvermittlung. Der Lehrer steht an der Tafel und erklärt seinen Schülern den Satz des Pythagoras – so kennen wir das alle. Die Bandbreite an intellektueller Leistungsfähigkeit und individuellem Wissenstand aber ist in allen Klassen inzwischen so groß, dass es wenig sinnvoll ist, denselben Stoff allen Schülern zur gleichen Zeit zu vermitteln. Besser ist, jeder lernt das aktuell für ihn Passende und Bewältigbare nicht zur selben Zeit. Doch wie verwirklicht ein Lehrer mit 30 Schülern oder ein Professor mit 300 Studenten in der Vorlesung solch einen personalisierten Ansatz? In der analogen Welt ist das nicht machbar. Nur Mit Hilfe von entsprechender Lernsoftware kann jeder ein speziell auf ihn zugeschnittenes Curriculum und die exakt dazu passenden Materialien erhalten.

»In den Schulen und Universitäten hierzulande wird die Digitalisierung noch als Problem wahrgenommen«

– Jörg Dräger

¯ Stimmt es, dass die digitale Vermittlung von Wissen sowohl die Art zu lernen auf den Kopf stellt als auch die Inhalte verändert?

Erstmal geht es darum, wie wir etwas lernen und wie gut wir es lernen. Die gerade beschriebene Personalisierung kennen wir ja auch aus anderen Branchen wie der Unterhaltungsindustrie: Bei Netflix schauen auch nicht alle denselben Film zur gleichen Zeit an. Der Zuschauer wählt aus, ein Big-Data-Algorithmus empfiehlt ihm einige Angebote basierend auf der bisherigen persönlichen Nutzung. Beim digitalen Lernen ist es ähnlich, der Lernfortschritt bestimmt den Stoff und die Lerngeschwindigkeit. Die Digitalisierung versöhnt, was bisher unvereinbar schien: Bildung für alle, zugeschnitten für jeden Einzelnen. Dazu kommt, dass der Lehrer weniger Zeit für die Vermittlung von Standardwissen aufbringen muss und sich stärker um das Wesentliche kümmern kann: das einzelne Kind.

¯ International droht Deutschland bei der Digitalisierung des Bildungswesens von Vorreitern wie den USA abgehängt zu werden, auch Schwellen- und Entwicklungsländer holen gehörig auf …

Sie haben recht: Die Gefahr, dass wir eine digitale Lernkolonie der USA werden, ist nicht ganz abwegig. Deutsche Schüler greifen schon heute bei der Nachhilfe vermehrt auf Online-Portale wie die Khan Academy zurück. In Europa sind derzeit etwa genauso viele Studenten an Universitäten eingeschrieben wie an der größten Online-Hochschule, der Plattform Coursera – rund 17 Millionen. Beides sind US-amerikanische Bildungsangebote. Der Aufschrei war groß, als im Zuge des Bologna-Prozesses die Bachelor- und Master-Studiengänge als Organisationsform aus den USA ins deutsche Bildungssystem importiert wurden. Inzwischen kommen auch Inhalte, Didaktik und Professoren aus Übersee. Dem muss Europa, dem muss Deutschland etwas entgegensetzen – doch in den Schulen und Universitäten hierzulande wird die Digitalisierung noch als Problem wahrgenommen. In Wahrheit ist sie Teil der Lösung für besseren Zugang und mehr Chancengerechtigkeit.

¯ Zur Digitalisierung von Bildung gehört der Aufbau einer technischen Infrastruktur. Doch schon beim Thema freies WLAN an Schulen erhitzen sich die Gemüter. Werden hier Möglichkeiten verschenkt?

Nicht nur das. Es wird auch soziale Ungerechtigkeit geschaffen. Fast alle älteren Schüler besitzen heute zwar ein mobiles Endgerät, doch der Umfang des Netzzugangs ist abhängig von der Geldbörse der Eltern. Freies WLAN würde diese digitale Kluft zumindest im Schulgebäude überbrücken. Dazu kommt, dass Kinder aus bildungsferneren Schichten den richtigen Umgang mit dem Internet oft nicht erlernen und das Smartphone eher zur Ablenkung nutzen. Die digitale Welt und das Internet sind mittlerweile natürliche Teile des Lebens. Die Schule muss den Zugang dazu ermöglichen, die Schüler darauf vorbereiten und den vernünftigen Umgang üben.

¯ Wie kann oder muss gutes digitales Lernen im Jahr 2016 aussehen?

Die Basis sind eine leistungsfähige Infrastruktur, Rechtssicherheit für Lehrer bei der Auswahl und Nutzung digitaler Materialien sowie die nötige pädagogische Kompetenz. Bei all dem steht Deutschland noch ganz am Anfang. Die Digitalisierung muss endlich vom persönlichen Engagement Einzelner auf die institutionelle Ebene einer Schule oder Hochschule gehoben werden. Keine dieser Institutionen setzt bisher in ihrer Gesamtheit ein auf digitale Medien aufbauendes pädagogisches Konzept um. Es braucht dafür die experimentelle Freude einer ganzen Einrichtung, neue Dinge auszuprobieren.

¯ Wie kann das konkret umgesetzt werden?

In Berlin probieren wir gerade zusammen mit drei Schulen ein sogenanntes Flipped-Classroom-Projekt im Bereich Mathematik aus. Das Konzept kehrt die klassische Lernlogik um: Der Schüler schaut sich zuhause ein Lernvideo an und arbeitet dann in der Schule zusammen mit Lehrern und Mitschülern an Aufgaben zum Thema. So wird die wertvolle Zeit des Lernens und Interagierens mit Mitschülern und Pädagogen systematisch ins Klassenzimmer und das eigentlich sehr einsame Zuhören nachhause verlegt. Ein einfacher Ansatz, der aber ohne digitale Medien kaum so ansprechend umzusetzen wäre.

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»Das Karrierenetzwerk LinkedIn hat eine gute Chance, das größte Bildungsunternehmen der Welt zu werden«

– Jörg Dräger

¯ Woher kommen die passenden interaktiven
Lernmaterialien?

Die Schulbuchverlage scheinen diese spannende Entwicklung zu verschlafen. Es sind eher kleine Startups, die digitale Materialien entwickeln. Das Berliner Unternehmen Sofatutor zum Beispiel produziert kurze Online-Lernvideos, die – der Name sagt es bereits – auf dem Sofa rezipiert werden können. Ein kurzes Video erklärt ein Thema, sei es die Photosynthese in der Biologie oder der lateinische Ablativus absolutus. Sofatutor finanziert sich übrigens über ein Abo-Modell und konzentriert sich auf das B2C-Segment. Das Unternehmen hat mittlerweile mehr als 300 feste und freie Mitarbeiter und steht gerade vor dem Eintritt in den amerikanischen Markt.

¯ Ist der bildungspolitische Flickenteppich in Deutschland hinderlich bei der Umsetzung digitaler Bildungsangebote?

Beim Ausprobieren neuer Ansätze ist der Föderalismus nicht unbedingt ein Nachteil. Innovationen wie der Flipped Classroom müssen ja nicht überall zur gleichen Zeit getestet werden, da reichen Piloten – zumindest so lange, wie andere Länder davon lernen wollen. Zum Stör- und Kostenfaktor aber wird das System, wenn Lehrmaterialien über 16 Bundesländer hinweg unterschiedlich geartet sind. Weder der Mathematik noch der einfacheren Verbreitung moderner Medien würde es schaden, wenn es da mehr Einheitlichkeit in den Ländern gäbe.

¯ Soziale Netzwerke gehören zum Alltag auf Schulhof und Campus. Taugen sie auch, um im Unterricht Bildungsinhalte zu vermitteln?

Soziale Medien nehmen bereits heute eine entscheidende Rolle beim Lernen ein. Sie bringen Gleichgesinnte zusammen und unterstützen so den Lernprozess. Mein zehnjähriger Sohn beispielsweise hat eine WhatsApp-Gruppe, die sich „Hausaufgaben-Chat“ nennt, in der die Kinder Informationen über bestimmte Lektionen austauschen. Zudem gibt es heute schon Hochschulen, die auf dem Prinzip der sozialen Interaktion basieren. Der Deutsche Philipp Schmidt hat am MIT die „Peer 2 Peer University“ gegründet – ein soziales Netzwerk, in dem sich Menschen zusammenfinden, die an der gleichen Fragestellung interessiert sind. Die Gruppe entscheidet dort gemeinsam und autark, welche Lernmaterialien vonnöten sind – ohne Vorgaben eines Professors oder Dozenten. Seit der Gründung haben mehr als 100 000 aktive Nutzer gut 500 Kurse gestaltet.

¯ Können soziale Plattformen wie Facebook, Twitter oder LinkedIn eine wichtige Rolle bei Bildung und Qualifizierung spielen?

Meine persönliche Meinung: Gerade LinkedIn hat eine gute Chance, das größte Bildungsunternehmen der Welt zu werden. Das Netzwerk verfügt über rund 350 Millionen Lebensläufe – eine extrem wertvolle Ressource. Daraus abgeleitet kann die Plattform beispielsweise einem Studieninteressierten einen möglichen Bildungsweg skizzieren, eine Orientierung basierend auf den Erfahrungen Millionen anderer Nutzer. Zudem hat LinkedIn gewiss nicht zufällig die Unternehmen Bright und Lynda gekauft. Bright hat sich darauf spezialisiert, zu Lebensläufen die am besten passenden Stellenprofile zu finden. Zur Optimierung des eigenen Lebenslaufes schlägt einem dann LinkedIn wieder vor, bestimmte Lernmodule zu absolvieren. Hier kommt Lynda, einer der größten Online-Weiterbildungsanbieter der USA, ins Spiel: Um die von Bright identifizierte Bildungslücke im eigenen Lebenslauf zu schließen, bietet Lynda dem Nutzer ein passgenaues Fortbildungsprodukt an, das anschließend dem Profil hinzugefügt wird. So verknüpft der Nutzer seinen Lernprozess mit der beruflichen Weiterentwicklung. Dadurch wird LinkedIn zum Bindeglied zwischen Weiterbildungswilligen und Bildungsanbietern.

¯ Damit digitale Bildungsangebote ihre Ziele erreichen können, müssen personenbezogene Daten von Schülern und Studenten verarbeitet werden. Ist das die Big-Data-Kehrseite des personalisierten Lernens?

Digitales Lernen kann ohne die Erhebung und Analyse von Daten nicht funktionieren. Blieben sie ungeschützt, würden sich Tür und Tor für Datenmissbrauch öffnen. Aus ihnen könnte zum Beispiel nicht nur abgeleitet werden, welche Vorlesungen die richtigen für den Studenten sind, sondern auch, wie groß die Wahrscheinlichkeit für einen späteren Burnout ist. Das sind sensible Informationen, die Arbeitgeber nicht zu interessieren haben. Letztlich braucht es nicht mehr Datenschutz, sondern mehr Datensouveränität für den Einzelnen: An jeder Stelle der Bildungskarriere, zum Beispiel beim Schul- oder Hochschulwechsel, muss über die Freigabe der persönlichen Lerndaten neu entschieden werden können. Auch in Sachen digitale Bildung muss ein Neustart möglich sein.

Das Interview führten: Ralf Bretting und Yannick Polchow
Fotos: Claus Dick

VITA
Jörg Dräger

1993 Master of Science in Theoretischer Physik an der Cornell University in Ithaca, Bundesstaat New York, USA

1996 Promotion zum Doctor of Philosophy (Ph. D.) mit einer Arbeit aus dem Bereich der mathematischen Kristallographie

1996–1998 Unternehmensberater bei Roland Berger in Frankfurt am Main

1998 Geschäftsführer des neu gegründeten Northern Institute of
Technology, einer international orientierten privaten Hochschulinstitution

2001–2008 Senator für Wissenschaft und Forschung der Freien und Hansestadt Hamburg

Seit Juli 2008 Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung für die Bereiche Bildung, Integration und Demokratie sowie Geschäftsführer des CHE (Centrum für Hochschulentwicklung)

Seit 2012 Assoziiertes Fakultätsmitglied der Hertie School of Governance

Weitere Infos

Im September 2015 hat Jörg Dräger gemeinsam mit Ralph Müller-Eiselt das Buch „Die digitale Bildungsrevolution – der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können“ veröffentlicht. Die beiden Autoren zeigen auf, wie die vernetzte Welt nicht nur unser Bildungssystem, sondern auch unsere Gesellschaft grundlegend verändern wird, wie bisherige Bildungsverlierer neue Chancen bekommen und alte Eliten in Bedrängnis geraten.

www.randomhouse.de