Digitaler Schmierstoff

Zunehmend bestimmen Bits und Bytes die Effizienz in der industriellen Produktion. Um Herr zu bleiben über die Wertschöpfung, müssen Werkzeug- und Maschinenbauer Fachexpertise im Bereich Software aufbauen – oder am Markt zukaufen. Einen Königsweg gibt es nicht.

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In der Fabrik der Zukunft werden nicht mehr die Maschinenbauer und Automatisierer die Abläufe bestimmen – jedenfalls nicht alleine. Spätestens seit der Ausrufung der vierten industriellen Revolution gibt Software den Takt für Roboterstraßen und Bearbeitungszentren vor, informieren Apps über Auslastung, Materialverbrauch und Optimierungsmöglichkeiten. Abgesehen von SPS-Maschinensteuerungen aber zählt Software nicht unbedingt zur Kernkompetenz des Maschinenbaus. Die Plattformstrategien für die Zukunft im Netz lassen sich nicht aus dem vorhandenen Knowhow der Echtzeitsteuerungen destillieren. Der traditionelle Werkzeugmaschinenbau muss fürchten, die Hoheit über die Wertschöpfungskette an branchenfremde Softwareplayer zu verlieren. Über das Wohl und Wehe eines Unternehmens entscheidet damit dessen Fähigkeit zum Erwerb eigener Kompetenz für die Entwicklung und den Einsatz von Software. Unsicherheit herrscht oft darüber, auf welchem Weg diese Expertise am besten erworben werden kann. Etwa Partnerschaften? Aufbau eigener Softwareabteilungen mit entsprechendem Knowhow? Ausgründungen? In jedem Fall ist die Branche in Bewegung gekommen. „Produktionsunternehmen ebenso wie Maschinenanbieter stellen zunehmend IT-Fachleute ein oder kaufen zu; manche kaufen sogar ganze Unternehmen“, kommentiert Wolfgang Dorst, Bereichsleiter Industrie 4.0 beim Digitalverband Bitkom.

Wie klassischer Maschinenbau und softwaretechnische Innovation Hand in Hand gehen können, zeigt der Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf. Das schwäbische Traditionsunternehmen, einer der Vordenker der Industrie 4.0, ging nicht den Weg, eine interne Abteilung aufzubauen und sie auf seine Strukturen und Unternehmensziele auszurichten. Stattdessen gründete es eine separate Softwarefirma die – weitgehend unabhängig von der Konzernmutter – unter dem Namen Axoom eine Cloud-Infrastruktur mit einer Reihe vorinstallierter Apps betreibt. „Wenn es nur um Trumpf-Maschinen gegangen wäre, so wäre es möglicherweise einfacher gewesen, eine eigene Abteilung zu gründen“, erläutert Florian Weigmann, Geschäftsführer des neugegründeten Unternehmens. „Aber wir betrachten es als unsere Aufgabe, die Probleme der Kunden zu lösen – und in deren Produktionslandschaften finden sich in aller Regel Maschinen von unterschiedlichen Herstellern.“ Es lag daher nahe, eine offene Plattform zu schaffen, für die alle Anbieter entlang der Wertschöpfungskette Apps entwickeln und in den gemeinsamen App Store einstellen können. Dass diese Konstellation den Wettbewerb stimuliert, ist den Beteilig-ten klar. Das gehört sogar zum Konzept. Axoom hat mittlerweile ein Partnernetzwerk mit weiteren Playern aufgebaut, darunter der Sensorhersteller Sick, der Optik-Experte Carl Zeiss Industrielle Messtechnik sowie das Prozesstechnologieunternehmen Linde.

Nicht alle sind davon überzeugt, dass eine Ausgründung der einzige Weg für ein Unternehmen ist, sich in der Softwarewelt Gehör zu verschaffen. Gerade die Maschinenbauer hätten in Sachen Software durchaus ein Wörtchen mitzureden, sagt Birgit Vogel-Heuser, Ordinaria am Lehrstuhl für Automatisierung und Informationssysteme der TU München. „Wir stellen fest, dass auf der Anbieterseite durchaus gute Ideen vorhanden sind“, so die Professorin. Es gibt also durchaus Gründe dafür, dass die Maschinenanbieter auch selbst die Verantwortung für die Software in den Fabriken übernehmen. Denn, so Vogel-Heuser, Industrie 4.0 erfordere modulare, gut strukturierte Software. Die Herausforderungen für deren Entwicklung seien größer als bei „normaler“ Software. Diese Herausforderungen erwachsen aus der außerordentlich fragmentierten Maschinen- und Prozesslandschaft in der Fertigungsbranche: Praktisch jeder Kunde hat sein eigenes Produktspektrum mit spezifischen Prozessen und Produktionsumgebungen. Noch schwerer wiegt jedoch das Haftungs- und Betriebsrisiko – ein Problem, das vor allem kleine Anbieter trifft. Wenn in einem Betrieb die Fertigung wegen eines Softwarefehlers zum Stillstand kommt, wird es richtig teuer. „Einige Tage Ausfall würden ein externes Startup ruinieren“, so Vogel-Heuser. „Da verlässt man sich nicht auf ein junges Unternehmen, egal wie cool  seine Ideen sind.“ Wäre also eine ans eigene Haus gebundene IT langfristig die bessere Wahl gegenüber einer Cloud-Lösung von außen? Das ist im Endeffekt gar nicht so sehr die Frage. Wichtig ist es vielmehr, bei der Technologie nicht den Anschluss zu verpassen. Der Wind weht hier eindeutig in eine bestimmte Richtung. „Im Maschinenbau ist ein ähnlicher Trend festzustellen wie bei den Smartphones“, konstatiert Wolfgang Dorst vom Bitkom. „Datengetriebene Geschäftsmodelle werden kommen.“ Das wäre auch im Sinne der Idee von Industrie 4.0, sagt Weigmann. „Es geht nicht nur um Maschinen. Es geht darum, Menschen, Maschinen und Prozesse intelligent miteinander zu vernetzen.“

Autor: Christoph Hammerschmidt

Fotos: Flickr/WorldSkills UK, Trumpf

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