Doctor Apple und Mister Skype

Der Mensch lässt sich ungern herumkommandieren. Es sei denn, die Befehle kommen von hippen Smartwatches und Fitnesstrackern. Wearables und Gesundheits-Apps sind der letzte Schrei – ein Riesenmarkt mit großen Chancen und großen Risiken.

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Wenn Apple-Chef Tim Cook anruft, um dir zu sagen, dass du ein neues iPhone und ein halbjähriges Praktikum in der Zentrale des zweitteuersten Unternehmens der Welt gewonnen hast, musst du schon etwas Besonderes sein. Dabei ist die Geschichte von Paul Houle, einem 17-jährigen Schüler aus Massachusetts, zunächst gar nicht mal so außergewöhnlich. Houle fühlte sich nach einem Football-Training unwohl und hatte Schmerzen in der Brust. Auch nach einem Mittagsschlaf besserte sich der Zustand nicht. Houle ging ins Krankenhaus, wo man ein multiples Organversagen feststellte. Leber und Nieren hatten die Arbeit eingestellt, das Herz stand kurz davor. „Die Ärzte sagten, wenn ich nicht ins Krankenhaus gegangen und stattdessen am nächsten Tag wie gewöhnlich zum Training gegangen wäre, hätte ich leicht sterben können“, sagt der Patient. Es war nicht Houles Rettung, die seine Geschichte wie ein Lauffeuer rund um den Planeten wandern ließ, sondern der Umstand, warum der junge Mann von der Ostküste überhaupt zum Arzt ging: Er trug eine Apple Watch. Vater Paul Houle senior hielt die Anschaffung des teuren Technik-Gimmicks für Geldverschwendung, aber Paul junior nutzte die eingebaute Funktion zur Pulsmessung. Und der Herzschlag lag laut Uhr auch nach der Siesta noch bei 145 pro Minute. Bei einem austrainierten Jugendlichen sind halb so viele Schläge normal. Paul Houle wurde berühmt, weil ihm die Apple Watch das Leben rettete.

So glücklich über die Rettung wie Houle selbst ist eine neue Industrie, die mit der Digitalisierung und Vernetzung aus dem Boden schoss. Marktstudien gingen Anfang 2015 von einem weltweiten Absatz von etwa 46 Millionen Fitnessarmbändern oder Smartwatches aus, das Statistikportal Statis-ta prognostiziert bis 2019 mindestens 156 Millionen.  Nach Sojamilch und Glutenfreiheit ist die gesundheitliche Selbstüberwachung der nächste große Trend. Die Jünger der Quantified-Self-Bewegung messen mit den neuen Accessoires am Handgelenk Puls, Schritte, Kalorienverbrauch und sogar den Blutzuckerspiegel, den pH-Wert des Urins sowie den Körperfettanteil. Und sie überwachen die Länge und Qualität ihres Schlafs. Schon finden sich Online-Communitys, in denen Gleichgesinnte in sogenannten Meet-ups begeistert Werte austauschen und Tipps geben. Die ersten machen ein Geschäftsmodell daraus. Personal Trainer war gestern, „Health Consultant“ steht als letzter Schrei auf der Visitenkarte. „Wenn man nur auf seine Gefühle vertraut, ist das häufig trügerisch. Verfügt man allerdings über valide Zahlen, dann hat man eine Datenbasis, auf die man sich verlassen kann“, sagt ein überzeugter Nutzer. Psychologen attestieren Fitnesstrackern einen spürbaren Motivationseffekt. Hierzulande sind schon 20 Prozent aller Kinder übergewichtig. Die Studie „Beweg dich, Deutschland“ brachte ans Licht, dass jeder dritte Deutsche an chronischem Bewegungsmangel leidet. Smartwatches und Gesundheits-Apps sollen nun dafür sorgen, dass die „Generation Pommes“, die ja auch die Generation Smartphone ist, den Hintern hochkriegt. 10 000 Schritte oder umgerechnet etwa acht Kilometer am Tag, lautet der Befehl der meisten Geräte, die als Uhr oder stylisches Armband die Aktivität überwachen. Das tun sie mit einer Reihe von Sensoren. Der simpelste Messfühler dieser Art ist ein kapazitiver Sensor. Zwischen zwei fest installierten Kondensatorplatten liegt eine bewegliche dritte. Durch Erschütterung oder Beschleunigung verändert sich das elektrische Feld zwischen den Platten und wird je nach Intensität beispielsweise als Laufschritt gezählt. Kapazitive Sensoren sind klein und billig und daher bei den Herstellern von Fitnesstrackern und Smart-watches sehr beliebt. Aufwendigere Geräte haben ein aus der Raumfahrt stammendes Gyroskop. Der schnell rotierende Kreisel, der in drei Lagen im Raum Bewegung und Beschleunigung misst, ist in der Unterhaltungselektronik seit der Wii Motion Plus ein gebräuchliches Bauteil. Schrittlängen und Kalorienverbräuche sind nur berechnete Annäherungswerte. Der Proband muss vor der Inbetriebnahme in der entsprechenden App Geschlecht, Körpergröße, Alter und Gewicht angeben. Ein an der Innenseite des Armbands eingebauter Lichtsensor lokalisiert den erhöhten Fluss sauerstoffreichen und damit roten Blutes an der Pulsader und misst so den Herzschlag. Über die unterschiedliche Absorption des ausgesandten grünen Lichts des Sensors kann dieser auch die Sauerstoffsättigung feststellen. Ein durch den Körper gesandter, schwacher Strom lässt über den Widerstand auf den Fettanteil schließen, denn Fett leitet Strom schlechter als das sonst im Körper dominante Wasser.

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Jawbone, ein junges Unternehmen aus San Francisco und einer der Pioniere  bei Fitnessarmbändern, hat nicht nur eine Funktion zur Messung des Kalorienverbrauchs, sondern auch zu deren Aufnahme. Ein Scanner kann den Barcode eines Lebensmittels erfassen. Der Nutzer muss nur die verzehrte Menge angeben – schon errechnet die App die Energiezufuhr. Die gesammelten Daten schicken die meisten Wearables per Bluetooth an das Smartphone, das wiederum die Daten in einer Cloud speichert. Bei einem Digitalkongress der CDU erklärte Angela Merkel unlängst: „Daten sind der Rohstoff der Zukunft.“ Die Bundeskanzlerin setzte sie mit realen Stoffen wie Kohle und Stahl gleich und warnte, Deutschland dürfe sich mit seiner großen Sorge nach Datensicherheit wirtschaftlich nicht abhängen lassen. Denn andere schürfen schon seit Jahren kräftig. Die zwei wertvollsten Unternehmen der Welt, Google und Apple, investieren Milliarden in den Gesundheitsbereich. IBM und SAP wenden superschnelle Analysesoftware wie Watson und Hana für Klinikdaten und Krebsregister an. Kein Wunder: Allein die US-Gesundheitsindus-trie setzt pro Jahr drei Milliarden Dollar um. Die Unternehmensberater von McKinsey prognostizierten schon 2014 mögliche Einsparungen bei den Gesundheitskosten in Höhe von 400 Millionen Dollar allein in den Vereinigten Staaten. In der Telemedizin werden Wearables schon genutzt, um Messwerte von Menschen mit Risikokrankheiten zu überwachen. Dabei ändere sich das Verhältnis von Patient und Arzt, sagt Franz Bartmann, Vorsitzender des Telematikausschusses der Bundesärztekammer. Während man früher einmal im Monat zum Arzt ging, um seinen Bluthochdruck zu überprüfen, erhebt der Patient nun selbst Messdaten. Findige Sammler versuchen mit Datenerhebungen über das Bewegungs- und Ernährungsverhalten Muster zu erkennen, um Ursachen für allergische Reaktionen oder Beschwerden zu ergründen, von Heuschnupfen über Diabetes bis Reflux. Das Hamburger Startup Connected–Health arbeitet an einem ähnlichen Projekt. Eine App fungiert als digitale Krankenakte, die Röntgenbilder, Diagnosen und frühere Arztbesuche speichert. Der nächste Arzt kann über einen Server die Daten einsehen. „Unsere Vision ist, die Arzt-Patienten-Kommunikation auf das technische Niveau des 21. Jahrhunderts zu bringen“, sagt App-Entwickler Johannes Jacubeit. Schon jetzt buhlen um die 10 000 Gesundheits-Apps auf dem weltweiten Markt um Kundschaft. Bei allen Bedenken in Sachen Datenschutz sieht das Gesundheitsministerium auch Chancen. Den durch den demografischen Wandel und die geringeren Verdienstmöglichkeiten verursachten Ärztemangel in dünner besiedelten Gegenden könnte die neue Technik bei einigen Routineuntersuchungen schnell und preiswert kompensieren, wenn der behandelnde Arzt aus der Ferne jederzeit Puls oder Blutzuckerspiegel überwachen kann. Etwaige Beratungsgespräche ließen sich zeit- und wegsparend über Skype führen. Laut einer Infratest-Umfrage wäre jeder dritte Deutsche bereit, seine Gesundheitsdaten digital erfassen zu lassen. 40 Prozent der Smartphone-Nutzer haben bereits eine entsprechende App auf ihrem Gerät, Tendenz steigend. Die Bundesregierung arbeitet zur Zeit am sogenannten E-Health-Gesetz, das Diagnosen vereinfachen, überflüssige Untersuchungen verhindern und Fehlmedikamentierungen vorbeugen soll. Ein Traum ist die Fusion aus Gesundheitsbewegung und Technikbegeisterung für Versicherer. Manche Krankenkasse bietet bereits selbst eine App an, um ihre Kunden frühzeitig selbst gegen ihr Übergewicht zu Felde ziehen zu lassen. Die Generali-Versicherung arbeitet bereits am Vitality-Tarif für Kunden, die ab diesem Jahr freiwillig über Wearables ihren Lebenswandel überwachen lassen. Verbraucherzentralen laufen Sturm, das Rabattsys-tem könne schnell zum Abstrafen genutzt werden. Der Hamburger Datenschützer Johannes Caspar warnt: „Die Gefahr ist, dass die Krankenversicherungen immer mehr das individuelle Profil des einzelnen Versicherten zugrunde legen und dann daraus die Beiträge errechnen. Das bedeutet: Am Ende zahlt die Zeche der nicht so Gesunde oder gar Kranke.“ Der Deutsche Ethikrat hat digitale Gesundheit zum Zukunftsthema erklärt. Dessen Vorsitzende Christiane  Woopen mahnt: „Das Schicksal ist irgendwann keine Entschuldigung mehr.“

An der Oral Roberts University, einer privaten Hochschule in Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma, können sich Studenten nur einschreiben, wenn sie „freiwillig“ ein digitales Armband des Typs Fitbit Charge HR tragen, das ihre Vitalwerte misst und an einen Zentralserver der Uni übermittelt. Rektorin Kathaleen Reid-Martinez bekennt in einem „Spiegel“-Interview freimütig: „Wir haben schon immer darauf geachtet, dass sich unsere Studenten viel bewegen. Sie sollen jeden Tag mindestens 10 000 Schritte laufen und mindestens 150 Minuten in der Woche aktiv sein. Früher mussten sie auf einem Zettel festhalten, wie viel Sport sie machen. Mit dem Tracker geht das jetzt viel einfacher.“ Die Bewegung macht für die 3700 Studenten ein Fünftel ihrer Examensnote aus. Damit die Studenten nicht schummeln und das Armband heimlich ihrem Hund umbinden, wird die Fitness in jedem Semester bei einem Lauf über 1,5 Meilen überprüft. Dass sich je jemand weigerte, das Armband zu tragen, ist Reid-Martinez nicht bekannt. In der Schweiz verteilt die Firma Dacadoo über ihre App Vital-Punkte von eins bis 1000 oder von tot bis Supermann, wie in einem Computerspiel. Pluspunkte gibt es für das Futtern eines Müsliriegels, Minuspunkte für Dauerglotzen am Bildschirm. Es folgt die Aufforderung zur Bewegung, und prompt gibt es Pluspunkte für Action. Stolz verweist man auf einen gewonnenen Innovationspreis im Silicon Valley, Samsung soll sich schon eingekauft haben. Schließlich ist der koreanische Elektronikriese in Sachen Smartphones oder Smartwatches einer der ganz großen Global Player und versucht mit einem eigenen Wea-rable ein Monopol zu schaffen: Der Gear Fit funktioniert nur in Kombination mit einem Samsung-Smartphone.

Die AOK Nordost geht als erste Versicherung in die Geschichte ein, die den Kauf der Apple Watch mit 50 Euro subventionierte, und sie kooperiert über das Programm Mobil vital auch mit Dacadoo. Typische Teilnehmer sind jung und weiblich. Das Bundesversicherungsamt meldet zum Thema Gesundheits-Apps erhebliche datenschutzrechtliche Bedenken, denn die Daten der Wearables sind weitgehend unverschlüsselt abfangbar. Im Februar 2015 wurde der US-Versicherer Anthem gehackt. Die Diebe erbeuteten Krankenakten von 80 Millionen Versicherten. Auch Ärzte und Krankenhäuser sind Ziel von Diebstählen. Angeblich sind Gesundheitsdaten in der Hackerbranche mittlerweile zehnmal so viel wert wie Kreditkartendaten. Aber es muss gar nicht aufwendig geklaut werden. Mangels Datenschutzerklärung können diverse App-Anbieter ihre gesammelten Informationen mühelos legal im Ausland verkaufen. Eine deutsche Ärztin warnt: „Gesundheitsdaten sind in Wahrheit Krankheitsdaten.“ Während sich der Diebstahl einer Kreditkarte mit neuer Karte und neuem Code mühelos vergessen machen lässt, lassen einmal kursierende Krankendaten den Betroffenen für immer zum gläsernen Patienten werden. Immerhin: Uni-Rektorin Reid-Martinez schwört, dass an der Hochschule in Tulsa zumindest keine GPS-Daten gesammelt werden, um beispielsweise herauszufinden, ob die Studenten sich eher in der Bar als im Hörsaal herumtreiben.

Ein altes Sprichwort aus dem Maschinenbau sagt: Wer viel misst, misst viel Mist. Die Erkenntnisse zur Schlafqualität basieren meist simpel auf der Dauer, in der keine Daten vom Bewegungssensor gemeldet werden. Wer sich im Schlaf viel bewegt, verfälscht seine Daten. Knifflig ist auch die Unterscheidung von Bewegungsarten. Schwimmen ist ebenso gesund wie Laufen oder Rudern, bringt aber die Sensoren zuweilen durcheinander, ganz zu schweigen von schweißtreibenden Aktivitäten wie Staubsaugen oder Tanzen. Die Stiftung Warentest befand bei einem Check der gängigen Wearables nur zwei von zwölf Geräten als gut. Und selbst wenn die gesammelten Daten zuverlässig sind, ist Vorsicht angesagt. Der Bayer-Konzern hat sich medizinische Studien im Big-Data-Zeitalter genauer angesehen und kam zu dem Schluss: Die meis-ten Erhebungen sind Schrott. Die Pharmakonzerne würden sich einfach jeweils die Werte herausfischen, die den eigenen Thesen entsprächen. In den USA laufen bereits erste Klagen gegen Wearables-Hersteller wegen Gesundheitsgefährdung. Ausgerechnet die Geräte der von der Universität in Tulsa favorisierten Tracker von Fitbit sollen in Sachen Herzfrequenz deutlich zu niedrige Werte angezeigt haben. Prompt rudert der Hersteller zurück: Es handle sich bei seinen Armbändern schließlich nicht um medizinische Geräte. Egal, die modischen Armbänder und Uhren sind ohnehin nur der erste Schritt in ein besseres, weil gesünderes Leben. Auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas ließen sich Anfang des Jahres erste Ahnungen davon gewinnen. So soll zukünftig die Matratze den Puls kontrollieren und mit speziellen Vibrationen für tie-feren Schlaf sorgen. Kombinieren lässt sich die Schlafstatt mit der Raumbeleuchtung: Morgens bläuliches Licht, nachmittags rötlicher und wärmer für den Melatonin-Haushalt, abends rotes Licht für guten Schlaf. Die Smartwatch kommt dabei allenfalls noch als Wecker zum Einsatz, der den Schläfer möglichst sanft aus dem tiefen Schlummer holt. Musik, Sitzheizung und Analdusche für perfekte Hygiene bei Hightech-Toiletten war gestern, das stille Örtchen von morgen misst bei der Sitzung gleich noch Gewicht, Körperfett und Urinqualität. Auch das Auto von morgen soll unter anderem Blutdruck und Puls über den Sitz messen. Bei Tobsuchtsanfällen am Steuer wird dann automatisch zur Mäßigung geraten. Das Zukunftsmobil hat allerdings einen Haken: Es misst auch die Atemluft des Fahrers und bei bedenklicher Alkoholkonzentration ignoriert es schlicht den Befehl, sich in Bewegung zu setzen. Möglich, dass nach langer Kneipennacht ohnehin der Fitnesstracker vibriert: Zeit, ein paar tausend Schritte zu laufen.

Markus Stier

Bildquellen: Caitlin Regan, Curtis Mac Newton, Philips Communications, Flickr/joo0ey

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