Frühwarnsystem

Schufa & Co. liefern nur sehr eindimensionale Eindrücke vom Vitalzustand eines Geschäftspartners. Wesentlich aufschlussreicher und zudem aktueller sind Daten, die aus dem Social Monitoring kommen. Das Risikomanagement lässt sich damit qualitativ erheblich aufmotzen.

bi Social Monitoring

Hat der Lieferant die versprochene Stückzahl nicht rechtzeitig geliefert? Konnte der neue Kunde die Ware nicht wie vereinbart bezahlen? Derartige Erfahrungen haben viele Unternehmen schon einmal machen müssen, gelegentlich brachten sie womöglich die eigene Existenz ins Wanken. In der digitalen Wirtschaft, deren Kunden- und Lieferantenbeziehungen nicht selten aus dem Cyberspace heraus entstehen, schwindet die subjektive Sicherheit, die in der analogen Welt auf intensiven persönlichen Kontakten im Geschäftsverkehr beruhte.

Um die Lieferfähigkeit von Auftragnehmern oder die Solvenz möglicher Kunden abschätzen zu können, müssen Unternehmen normalerweise die Dienste von Wirtschaftsauskunfteien und Scoring-Agenturen wie Creditreform, Hoppenstedt oder Schufa in Anspruch nehmen. Deren summarische Scores aber bieten im Geschäftsalltag selten eine wirkliche Hilfe: Zu eindimensional, zu wenig aussagekräftig und zudem nicht in der Lage, schnell genug eine veränderte Lage zu reflektieren, lautet die Kritik.

Etwa 10 000 Insolvenzverfahren gibt es durchschnittlich jeden Monat in Deutschland

Quelle: Statista

Ein viel differenzierteres Bild ergibt sich aus der Auswertung der Datenströme, die ein potenzieller oder bereits unter Vertrag genommener Geschäftspartner Tag für Tag erzeugt. Unternehmen betreiben Websites und virtuelle Niederlassungen auf Facebook, Xing und LinkedIn, sie verbreiten Pressemitteilungen, twittern ihre neuesten Geschäftsmeldungen oder stellen ihre Produkte auf YouTube vor. Dabei kommen in der Regel sehr viel mehr Informationen herüber als beim Geschäftsessen zwischen Vertriebsbeauftragten und Einkäufer des Kunden. Gelingt es, all diese Informationen zu erfassen und auszuwerten, so entsteht ein sehr differenziertes Bild des Gegenübers – und vor allem gehen wichtige Informationen zeitnah in die Gleichung ein.

Allerdings: Der dafür erforderliche Aufwand übersteigt zumindest auf den ersten Blick die Kapazitäten der Anwenderunternehmen bei Weitem. Niemand kann es sich leisten, sein Ohr ständig am elektronischen Puls sämtlicher tatsächlichen und potenziellen Geschäftspartner zu haben. Zwar lassen sich Softwareagenten, sogenannte Webcrawler, auf die automatisierte Suche nach verwertbaren Informationen durch das Internet schicken. Die gewaltigen Datenberge, die sie als Resultat apportieren, widerstehen indessen jedem Versuch, sie manuell zu durchforsten. Doch intelligente Softwareansätze wie maschinelles Lernen in Kombination mit Data Mining machen es möglich, die relevanten Informationen herauszufinden wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. Anbieter wie Reply oder Echobot bieten entsprechende Software an oder übernehmen die Suche und anschließende Rohbewertung der Ergebnisse als Dienstleistung.

Grafik Social Monitoring

Eine besondere Herausforderung dabei: Die menschliche Sprache bietet vielerlei Möglichkeiten, ein und denselben Sachverhalt mit unterschiedlichen Redewendungen darzustellen. Es reicht daher nicht aus, das Web nur nach vorgegebenen Suchbegriffen zu durchforsten, sondern auch nach Synonymen, Slang-Ausdrücken und Andeutungen. Echobot enthält daher eine Semantic Engine, die mit Machine-Learning-Methoden darauf trainiert wird, die gewünschten Erkenntnisse aus dem Datenstrom herauszufischen. Unter die Lupe genommen werden dabei alle öffentlich verfügbaren Datenquellen – vor allem Social Media, aber auch Firmen-Websites, Online-Ausgaben von Fachmagazinen, Verbraucherportale und -foren und sogar Jobbörsen sowie die im Internet zugänglichen Informationen der Handelsregister.

Alle diese Datenquellen können Hinweise enthalten, die für die Einschätzung eines Geschäftspartners relevant sind. Meldete er in jüngster Zeit größere Aufträge? Oder gab es, im Gegenteil, Entlassungsaktionen, womöglich gar Skandale? Bahnt sich eventuell eine Insolvenz an? „Wir beobachten nicht nur den Geschäftspartner selbst, sondern auch sein Umfeld“, erläutert Bastian Karweg, Geschäftsführer des Karlsruher Softwareunternehmens Echobot, dessen gleichnamige Software derartige Monitoringdienste ermöglicht. Die Software misst gewissermaßen kontinuierlich den Pulsschlag des Geschäftspartners, indem sie anhand einstellbarer Begriffe seine öffentlichen Äußerungen auswertet – und zusätzlich das, was Dritte über diese Firma im Netz veröffentlichen.

Erkenntnisse über Wechsel im Management, Messeauftritte, Produktankündigungen, Akquisitionen oder Kooperationsverträgen verdichtet die Software zu einem zeitnahen, detailreichen Gesundheitsreport des jeweiligen Gegenübers. So lässt sich schon im Frühstadium erkennen, ob ein Unternehmen in Schieflage geraten ist. „Wenn der Score eines Unternehmens von einer herkömmlichen Wirtschaftsauskunftei herabgesetzt wird, ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen“, lautet Karwegs Erfahrung.

Autor: Christoph Hammerschmidt

Foto: Taylor Nicole, Vlad Sorodoc, Shutterstock/PureSolution