Peter DeSantis verantwortet die globale Infrastruktur von Amazon Web Services: „Cloud-Roaming ist kein Geschäftsmodell für uns.“ Bild: AWS

Amazons Cloudservice AWS reklamiert für sich einen weltweiten Marktanteil von knapp 50 Prozent. Im Exklusivinterview mit business impact erläuterte Peter DeSantis, Leiter der globalen AWS-Infrastruktur, am Rande der Entwicklerkonferenz re:Invent in Las Vegas die strategische Marschrichtung des Unternehmens.

¯Der CEO des chinesischen TK-Konzerns Huawei hat jüngst in einem Interview gesagt, dass es in wenigen Jahren nur noch ein Handvoll Cloudprovider geben werde. Teilen Sie diese Ansicht?

Clouddienste unterliegen stark dem Gesetz der großen Zahlen. Vieles kann man nur dann wirtschaftlich anbieten, wenn es in großen Mengen genutzt wird. Die Fähigkeit, in hohem Maße zu skalieren, spielt eine große Rolle. Bestimmte Servicequalitäten lassen sich mit einer mittelgroßen Plattform schlichtweg nicht erreichen. Doch das bedeutet nicht, dass es nur einen Cloudprovider geben wird. Das wird schon deshalb nicht der Fall sein, weil Kunden In jedem Markt Alternativen suchen – das ist im Cloudgeschäft nicht anders. Es wird also weiterhin mehrere unterschiedliche Anbieter geben.

¯Sagen wir mal, es sind bald nur noch fünf, von denen einer AWS sein wird. Wer werden die anderen vier sein?

Es ist ein sehr großer Markt. Wenn Sie über die physische Infrastruktur sowie über die technologische Infrastruktur, Software, einfachere und komplexere Dienstleistungen nachdenken, macht das vorhandene Marktpotenzial vermutlich Billionen aus. Es gibt also genügend Raum für Unternehmen, die bereit sind zu investieren und Dienste für Kunden anzubieten.

¯OK, dann andersherum gefragt: Glauben Sie denn, dass sich die Marktkonsolidierung bei Cloudprovidern abschwächen wird?

Ich sehe das nicht als Konsolidierung. Es gibt Teile der Infrastruktur, die in Zukunft wahrscheinlich konsolidiert werden könnten. Die Infrastruktur der Zukunft könnte tatsächlich spezialisierter sein, weil sich das Bereitstellungsmodell erheblich verändert hat. Es ist einfach geworden, Kapazitäten bereit zu stellen. Leute, die wissen, wie man sie effektiv nutzt, können eng zusammenarbeiten. Zum Beispiel beim Machine Learning: Anstatt einen der wenigen Wissenschaftler anzuheuern, die GPUs für Machine Learning programmieren, können Unternehmen die vorgefertigten High-Level-Services auf AWS oder die unserer Partner auf dem AWS Marketplace nutzen. Was die Anbieter von Cloudinfrastrukturen anbelangt, wird es aufgrund der bereits erwähnten Skalierungsanforderungen und des Kostendrucks nur wenige Provider geben. Aber in anderen Bereichen, zum Beispiel bei hochkomplexen Services, wird es eine wahre Explosion an Innovationen geben.

¯Nochmal zurück zu Huawei. Die denken über eine Art Cloud-Roaming nach. Heißt konkret: Nicht jeder Anbieter wird in jeder Region eine komplette Infrastruktur aufbauen und betreiben. Stattdessen Werden die Provider – so wie im Mobilfunk – international kooperieren. Ein Log-in in den Amazon-Account in Asien würde dann physisch in der Huawei-Cloud abgewickelt und seitens Huawei bedient. Wie denken Sie darüber? Ist so ein Szenario überhaupt realistisch?

Ich weiß nicht, wie die Zukunft des Cloudcomputing aussehen wird. Aber ich weiß, dass wir schon heute unsere gesamte Infrastruktur bis ins kleinste Detail kontrollieren müssen. Wir haben in den letzten zehn Jahren viel Arbeit geleistet, um sicherzustellen, dass wir diese Kontrolle haben. Andernfalls könnten wir die Verfügbarkeit, Sicherheit, Zuverlässigkeit und Leistung unserer Services, der Schnittstellen und SLAs nicht garantieren. Das erwarten ja auch unsere Kunden. Wenn etwas nicht funktioniert, müssen wir Fehler umgehend beheben – ein Fingerzeig auf andere Anbieter darf es nicht geben. Unsere Kunden müssen die Möglichkeit haben, Fragen zu stellen und Feedback zu geben. Das funktioniert nur, wenn wir auch die volle Kontrolle über alles haben.

 ¯Mal abgesehen von solchen Business-Aspekten – halten Sie eine Roaming-Lösung technisch für möglich?

Ich weiß es nicht. Ich habe auch noch nie darüber nachgedacht, weil es kein Geschäftsmodell ist, das für AWS in Betracht kommt. Aber es erscheint mir nicht sonderlich machbar. Schauen wir uns zum Beispiel den Amazon RDS-Service an, unseren relationalen Datenbankdienst, mit dem Kunden eine Anwendung einmal entwickeln und dann überall bereitstellen können. Für unsere Kunden ist es essentiell, dass dieser Service in jeder AWS-Region gleichermaßen funktioniert.

¯Deutschland ist ein führendes Land im Bereich der Automobiltechnik. Doch der Markt befindet sich in einem kräftigen Umbruch. Wie kann AWS die Fahrzeughersteller bei dieser Transformation unterstützen?

Die Automobilindustrie ist eine äußerst spannende Branche und einige der Marktführer nutzen AWS. Unsere Kunden in der Automobilindustrie haben einige interessante Problemstellungen: Denken Sie beispielsweise daran, dass Autos viele IoT-Sensoren haben, viele Daten sammeln, dabei Machine Learning nutzen und viele Daten in der Cloud verarbeiten. Bei AWS arbeiten wir daran, Lösungen zu finden, Dienste zu kombinieren und dadurch den Nutzen für Kunden zu steigern. Auch bei der IT-Sicherheit haben wir neue Services angekündigt, die die groß angelegten Plattformen, wie sie bei Connected-Car-Systemen entstehen, besser schützen. Insgesamt steht die Automobilindustrie Cloudcomputing sehr aufgeschlossen gegenüber. Sie ist eines der größten Kundensegmente von AWS.

¯Eine Cloud-Computing-Plattform ist im Grunde ja eine Art Business-zu-Technologie-Transformator: Als Input gibt es die Wünsche und Forderungen der Kunden, die AWS in ein technologiebasiertes Servicemodell umsetzen muss. Dabei gibt es sicherlich etliche Herausforderungen, die zu lösen sind, oder?

Als Cloudanbieter verstehen wir, welche Anforderungen Kunden an unsere Rechnerinfrastruktur stellen. Dadurch können wir Infrastrukturinnovationen auf eine Weise vorantreiben, wie es früher kaum vorstellbar war. Rechenzentrum, Firmennetz und Infrastruktur können sich auf sehr interessante Weise weiterentwickeln. Wir haben die Möglichkeit, eine ganze Reihe heterogener Workloads zu analysieren und herauszufinden, wie sie sich noch effizienter ausführen lassen. Ich denke, dass dies eine Innovationskraft ermöglicht, die uns überraschen wird.

¯Machine Learning ist ein Unterbereich der künstliche Intelligenz. Ihr Chef Andy Jassy hat dazu gerade eine Reihe an Neuheiten vorgestellt. Doch nicht alle Technologieexperten sehen KI positiv. Wie denken Sie über die Entwicklung?

Machine Learning ist ein äußerst leistungsstarkes Instrument, um viele große Probleme zu lösen. Davor sollten wir keine Angst haben. Denken Sie nur an die möglichen Optimierungen von Infrastrukturen oder im Energieverbrauch, an die Verbesserung des Einkaufserlebnisses oder ein Plus an Sicherheit. Machine Learning kann enormen Mehrwert bieten. In absehbarer Zeit werden wir große Vorteile durch künstliche Intelligenz haben. Insofern teile ich die Skepsis anderer überhaupt nicht.

Das Interview führte: Harald Weiss