IT-Gipfel

Die Schweizer haben die Digitalisierung nicht erfunden. Aber sie können mit ihr umgehen. Besser sogar als manch anderesLand in Europa. Die Geschwindigkeit der digitalen Entwicklung ist so hoch wie die Innovationsbereitschaft der Unternehmen.

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Zug – direkt am Zugersee im Kanton Zug, nur eine halbe Autostunde von Zürich entfernt. Nicht einmal 30 000 Einwohner groß. Und doch gibt es eine wachsende Startup-Szene – eine, die von den Großbanken mit Argusaugen beobachtet wird, weil dort dezentrale Zahlungssysteme entwickelt werden. Auch Vitalik Buterin hat sich mit seiner Firma in Zug niedergelassen, um eine neue Blockchain-Technologie zu entwickeln: eine, mit der sich Daten – Zahlungen, Grundbucheinträge, allgemein: sensible Informationen – ohne Banken oder Intermediäre sicher austauschen lassen sollen. Wenn das gelingt, wird sich die Finanzwelt stärker verändern als in den vergangenen 400 Jahren. Kein Wunder, dass der gerade mal 21-jährige Buterin bei hochrangigen Bankern gerade als Schrecken oder Messias der Branche gilt – je nach Nervenkostüm. Erstaunlicher ist da schon, dass sich jemand wie der in Russland geborene und in Kanada aufgewachsene Buterin für sein ambitioniertes Projekt ausgerechnet in Zug niederlässt.

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Standortinitiativen wie in Zug führt Thomas Ruck an, Managing Director von Accentures Geschäftsbereich Digital in der Schweiz, wenn er die Offenheit der hiesigen Unternehmen für die digitale Transformation mit Fakten unterlegen will. „In verschiedenen Studien, in der die Innovationsbereitschaft oder der Grad und die Geschwindigkeit der digitalen Entwicklung einzelner Länder bewertet wurden, schnitt die Schweiz sehr gut ab“, sagt Ruck. Konkrete Gründe sind letztlich schwer auszumachen, aber begünstigt wird diese Bereitschaft zur digitalen Transformation sicherlich durch den überschaubaren Binnenmarkt: „Dadurch spüren die Schweizer Unternehmen – besonders die großen, international agierenden – den internationalen Wettbewerb mit den Besten der Welt besonders stark und müssen sich früh darauf einstellen“, so der Accenture-Berater. Hinzu kommt: Breitbandinfrastruktur und Mobilnutzung der Schweiz sind im europäischen Vergleich überdurchschnittlich gut ausgebaut. Auch Zürich hat sich letztens für die Transformation aufgehübscht: Die Initiative „DigitalZurich2025“ soll die Stadt zu einem Cluster machen, der die besten Leute anzieht – und dadurch die Innovationsführerschaft des Finanzplatzes sichern hilft.

„Der positive Eindruck, den die Studien in Sachen Digitalisierung von der Schweiz zeichnen, ist sicherlich richtig“, sagt Ruck. „Trotzdem sind hier nicht alle Branchen und Unternehmen im digitalen Eldorado.“ Firmen mit direktem Endkundenkontakt seien im Schnitt weiter als klassische B2B-Branchen. Banken sowie Unternehmen aus Pharma, IT, Medien und Unterhaltung gehen die Transformation vehementer an als zum Beispiel Chemie- oder Baustofffirmen. „Aber auch im B2B-Umfeld gibt es Beispiele für Unternehmen, die die Transformation vorantreiben“, sagt Ruck und nennt Düngemittel- und Saatguthersteller: „Sie versuchen mit Analyseservices, die Bauern dabei zu unterstützen, dass die ihre Felder optimal bewirtschaften können.“

Auch Tom Schmidt, Partner bei Ernst & Young, sieht viele Schweizer Banken in einer guten Position für den digitalen Wandel: „Sie haben die unternehmensinterne Digitalisierung weit vorangetrieben, so dass sie sich nun sozusagen auf das Front-end konzentrieren können – die Verbindung zu Kunden und Geschäftspartnern.“ Denn viele Finanzinstitute hätten ihre Kernbankensysteme bereits umfassend modernisiert. „Sie sind damit weiter als Teile der Banken in Deutschland, Großbritannien oder Singapur“, fügt Schmidt hinzu. Der Grund dafür sei maßgeblich in den regulatorischen Anforderungen zu finden, denen die Schweizer Banken unterliegen: „Sie unterscheiden sich deutlich von den deutschen Bestimmungen, zum Beispiel beim grenzüberschreitendem Datenverkehr, dem Datenschutz oder steuerlichen Bedingungen.“ Diese Anforderungen waren mit den Altsystemen einfach nicht mehr sinnvoll zu erfüllen. Schmidt geht davon aus, dass sich im Finanzumfeld bereits in den nächsten zwei, drei Jahren zeigen wird, ob die Transformation funktioniert. „Die Bereitschaft zu Investitionen ist allgemein hoch bei Schweizer Unternehmen“, konstatiert er, „aber für einen Erfolg müssen zu dieser Grundvoraussetzung natürlich noch die richtige Unternehmenskultur und Strategie hinzukommen.“

Der Markt für Informationstechnologie in der Schweiz (ohne Telekom) generierte im Jahr 2015 einen Umsatz von 16,5 Milliarden Euro und ist damit um 2,8 Prozent gewachsen. Den größten Sprung machte das Segment Software mit einer Zunahme von 6,4 Prozent auf 5,07 Milliarden Euro. IT-Services – volumenmäßig der größte Bereich – wuchsen mit 2,7 Prozent moderat und erzielten einen Umsatz von 8,9 Milliarden Euro. Das Segment Hardware musste hingegen eine Einbuße von 3,1 Prozent hinnehmen und setzte 2015 noch 2,6 Milliarden Euro um.

Autor: Michael Vogel

Fotos: Gabriel Garcia Marengo, Lukas Schlagenhauf, Shutterstock/milang

CeBIT-Partnerland.
ICT statt Käse

Auf der diesjährigen CeBIT sind die Schweizer Anbieter, neben ihrer Präsenz in einzelnen thematisch ausgerichteten Hallen, auch mit dem Swiss Pavilion vertreten. Dort präsentieren sich auf 1500 Quadratmetern Fläche vierzig Aussteller, schwerpunktmäßig aus den Bereichen Forschung und Security. Daneben sind Schweizer Unternehmen mit Referenten auf der CeBIT zugegen, unter anderem mit einer Keynote des Swatch-Chefs Nick Hayek bei der Welcome Night. Der Switzerland Summit am Nachmittag des ersten Messetags ist dem Thema „Digitale Transformation“ gewidmet. Auch auf den Global Conferences der CeBIT sind mehrere Redner aus Schweizer Unternehmen mit von der Partie, unter anderem der Chef der Schweizer Post, Jörg Vollmer, sowie Markus Zoller, Leiter des Marktsegments Defence beim Technologiekonzern RUAG.

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