Leichte Beute

Die digitale Transformation hat die Versicherungsindustrie voll erfasst. Ein schnelles Startup nach dem anderen drängt in das Ökosystem. Doch die Dickhäuter der Branche reagieren träge auf Nischenprodukte und Hightech-Service.

Digitale Versicherung

Die deutschen Versicherungskonzerne geraten unter Druck: Das einst einträgliche Geschäft mit Lebensversicherungen bricht weg, das Massengeschäft ist ins Internet abgewandert, Startups erobern mit ungewöhnlichen Produkten neue Zielgruppen. Zum Beispiel Friend-surance, der 2010 gegründete Peer-to-Peer-Versicherer. Dort schließen sich Versicherte zusammen und finanzieren über ihre Beiträge einen gemeinsamen Topf, aus dem kleinere Schäden bezahlt werden. Größere Schäden übernimmt der Versicherer. Angeboten werden Produkte von 70 Versicherungspartnern. Nach Angaben des Unternehmens bekamen etwa 80 Prozent der Kunden bisher eine Rückzahlung von maximal 50 Prozent.

Jetzt steht die internationale Expansion an. Dafür machten Investoren unlängst 15,3 Millionen US-Dollar Risikokapital locker. Friendsurance mit Sitz in Berlin gehört zu den sogenannten InsurTechs – Startups, die mit Internettechnologien und neuartigen Geschäftsmodellen den Versicherungsmarkt erobern wollen. Davon gibt es nicht wenige. Ob Kurzzeitversicherung via App oder Vergleichsportal – allen gemeinsam ist eine Vertragsverwaltung ohne Aktenordner und Klarsichthülle. Sie scheinen das Symbol für die gefühlte Rückständigkeit der Branche zu sein, die ihre Kunden stets mit vielen Seiten Papier überhäuft. Aber stimmt dieses Klischee überhaupt? Werden Versicherungen von der Digitalisierung überrollt und verschwinden vom Markt, wie die Handysparte von Nokia?

„Die Digitalisierung und der Aufschwung der InsurTechs hat positive Wirkungen“, meint Dominik Groenen, dessen B2B-Start-up MassUp eine White-Label-Lösung für den Verkauf von Nischenversicherungen anbietet. „Alle Versicherer beschäftigen sich mit dem Thema und profitieren enorm von dem Weckruf durch Startups.“ Bisher seien die Großen den neuen Trends nur hinterhergelaufen, nennt Groenen ein Problem der Konzerne. „Was andere Branchen schon hinter sich haben, müssen die Versicherer erst einmal schaffen – zum Beispiel attraktive mobile Websites.“

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Oft fehlt es an digitalen Köpfen ebenso wie an einer digitalen Strategie. Online-Geschäftsmodelle dürften nicht länger nur ein Vehikel zur Ansprache besonders preissensitiver Kunden sein, sondern ein integraler, möglichst einfach zu handhabender Bestandteil des Leistungsspektrums einer jeden Gesellschaft, heißt es in einer Marktstudie der Unternehmensberatung Bain & Company. Tatsächlich spricht viel dafür, dass sich der Faktor „Convenience“ zu einem zentralen Differenzierungsmerkmal entwickelt. Anders ausgedrückt: Je einfacher eine Versicherung erworben werden kann und je unkomplizierter die Schadensregulierung ist, desto besser sind die Chancen auf dem hart umkämpften Markt.

Die Marke AppSichern etwa bietet erfolgreich Nischen- und Zusatzversicherungen an, zum Beispiel eine Kurzfristversicherung für Probefahrten beim Autohändler. Im Schadensfall übernimmt die Versicherung die Selbstbeteiligung. Der Schutz kostet lediglich fünf Euro und kann innerhalb weniger Minuten abgeschlossen werden. Weitere Versicherungen gibt es für Dienstreisen, Busreisen, Mietwagen, Mitfahrer, Schulausflüge oder sportliche Aktivitäten. Gebucht wird per App und bezahlt per PayPal. „Die Digitalisierung ist vor allem eine Chance für kleinere Gesellschaften“, weiß Felix Anthonj, CEO von Flexperto, Hersteller einer Video-chat-Beratungs-App speziell für Versicherungen. „Sie schleppen weniger Altlasten mit sich.“

Einen Verdrängungswettbewerb zwischen Startups und klassischen Versicherern sieht Anthonj nicht. „Startups beleben den Markt. Sie brauchen Zulieferer, da sie meist keine Versicherungslizenz haben“, betont der Flexperto-CEO. Die großen und kapitalkräftigen Gesellschaften können gigantische Risiken absichern. Zudem haben sie keine Probleme mit den vielen Compliance-Richtlinien, die den Markteintritt verteuern. Sie könnten Lieferanten für „Insurance as a Service“ werden und Startups ein Backend zum Führen der Versicherung anbieten. Versicherungskonzerne und die Rückversicherer könnten die vermeintlichen Feinde regelrecht umarmen – eine bisher kaum genutzte Chance.

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Ein Hindernis für die rasche Digitalisierung ist die Tatsache, dass der Versicherungsmarkt immer noch brummt. So verzeichnen zahlreiche Gesellschaften nach wie vor steigende Gewinne. Doch Marktanalysten sind sich einig, dass die Zeiten der großen Zuwächse vorbei sind. Einige langfristige Entwicklungen beeinflussen das Geschäft, etwa der Einsatz von künstlicher Intelligenz. Er könnte viele Jobs in der Branche kosten. Wer zum Beispiel Schadensfälle auf Betrugsversuche oder eine mögliche Senkung der Schadenssumme hin überprüft, könnte seinen Job in wenigen Jahren los sein. Das Kölner Startup Cognotekt automatisiert solche Geschäftsprozesse mit Hilfe künstlicher Intelligenz. Die IT-Systeme können bei einer Versicherung mit 99,9 Prozent Genauigkeit genau die Fälle herausfiltern, die sich ein menschlicher Sachbearbeiter ansehen muss. Alles andere erledigt Kollege KI in Sekundenschnelle selbst.

»Die Digitalisierung ist vor allem eine Chance für kleinere Gesellschaften. Sie schleppen weniger Altlasten mit sich«

– Felix Anthonj, Flexperto

Andere Trends sind vor allem bei jüngeren Leuten zu sehen. Zwei Beispiele: Manche wollen kein Auto mehr besitzen, andere sind nomadisierende Wissensarbeiter ohne festen Wohnsitz und größeren Hausrat – beides keine guten Versicherungskunden. „Die Versicherer sind gefangen in ihren alten Vorstellungen“, meint Armin Molla, CEO des Startups Virado, einer App für Versicherungsmakler. Es gebe zwar jede Menge Digitalisierungsprojekte, doch dabei handele es sich häufig um punktuelle Maßnahmen. Er ergänzt: „Manager haben oft viel zu kurze Karrierehorizonte, um Lösungen für langfristige Entwicklungen über zehn bis 15 Jahre zu finden.“ Einige Versicherer haben selbstkritisch erkannt, dass Innovation in Hierarchien und Silos schwer zu verwirklichen ist. Sie wählen eine erprobte Lösung, um abseits verkrusteter Strukturen Experimente zu wagen: das Innovationslabor. Im Ergo Digital Lab und im Digital Accelerator der Allianz entwickeln die Versicherer neue Geschäftsmodelle, mit jungen Leuten und Startup-Flair. Die Großtanker der Branche sind also in Bewegung gekommen. Nächster Hafen: die digitale Versicherung.

Autor: Ingo Steinhaus

Foto: Flickr/makeitkenya (creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)