Persönliche Verdatung

Erst langsam wird den Menschen bewusst, welchen Wert die über sie gespeicherten Daten darstellen – und wie viel Geld Unternehmen verdienen können, wenn sie ihren Kunden zuhören. Die Vernetzung im Internet der Dinge bringt nun noch zusätzlich viele persönliche Daten ins Spiel. Zeit für eine Gegenbewegung?

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Laut Statista lag der Anteil von Personen mit Datenschutzbedenken 2015 in Deutschland bei 62 Prozent. Davor rangiert bei den untersuchten europäischen Ländern nur Spanien mit 78 Prozent, während die Briten sich mit 49 Prozent die wenigsten Sorgen machen. Die bisher verbreitete Haltung, man habe ja nichts zu verbergen, könnte sich künftig ändern. „Manche gespeicherten Daten nehmen Einfluss auf unser soziales und wirtschaftliches Leben, Informationen können nach ein, zwei Jahren oder später auf Menschen zurückfallen, wenn sie einen Kredit beantragen oder einen Vertrag abschließen wollen“, sagt Malte Spitz, Grünen-Politiker und Autor des Buches „Was macht ihr mit meinen Daten?“. Aus seiner Sicht ist bereits jetzt ein Wandel bei den Leuten zu spüren, sie seien stärker dafür sensibilisiert, welchen ökonomischen Einfluss das Datensammeln für sie haben kann. „In einer vernetzten Welt verschenken wir jeden Tag unser wichtigstes Gut: uns selbst“, schreibt das australische Startup Meeco, das Menschen Mitspracherechte bei der Verwendung ihrer Daten geben will. Viele der Services, die den Anwendern scheinbar kostenlos zur Verfügung gestellt werden, bezahlt der Kunde nicht mit Geld, sondern in einer neuen Währung: seinen Daten. Längst ist es nicht mehr damit getan, dass bei Kundenkarten, Preisausschreiben und einigen Apps wertvolle Daten in den Speicher wandern. „Es werden viele kleine Informationen gesammelt, zum Beispiel, wie oft man wo surft, wo genau man auf einer Seite seine Maus umher schiebt, welche Fotos man anschaut oder nach welchen Begriffen man in Suchmaschinen schaut“, erklärt Malte Spitz. Bei Smartphone-Apps gehe es weiter, unter anderem mit Informationen über den jeweiligen Standort, auch die zunehmende Smart-Home-Technologie liefere weitere Informationsbausteine über Personen. In den nächsten Jahren werden sich vernetzte Fahrzeuge durchsetzen, mit ähnlicher Funktionalität wie Smartphones. Durch das Internet der Dinge fallen Unmengen persönlicher Daten an. „Praktisch unser ganzes Alltagsleben wird verdatet und diese Daten werden weiterverarbeitet“, berichtet Spitz. Ein Ausstieg aus der „Verdatung“ ist schwierig. Selbst wenn zum Beispiel der Facebook-Account gelöscht wird – laut allgemeinen Geschäftsbedingungen darf das Unternehmen die Daten behalten.

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„Die Frage ist, wer kontrolliert diese persönlichen Daten und wer sollte sie kontrollieren?“, sagt StJohn Deakins, CEO des britischen Startups CitizenMe. Werkzeuge wie Adblocker oder Messaging-Dienste, die Inhalte gleich wieder löschen, kurieren nur Symptome wie Unbehagen oder Beunruhigung. „Die einfache Lösung besteht darin, jedem einzelnen Handlungsmacht über seine eigenen Daten zu geben und ihm zu ermöglichen, selbst mit seinen Daten zu handeln“, sagt Deakins. „Wenn man alle Datenquellen abgleicht, dann ist das ein Datenschatten, der uns begleitet, der hinter uns her trottet, obwohl man ihn nicht sieht. Wo haben wir uns aufgehalten? Was haben wir eingekauft? Mit wem hatten wir Kontakt?“, erklärt Spitz. Aktuell seien diese Daten noch bei unterschiedlichen Stellen wie Telefonanbietern, Fluglinien, Banken oder Krankenkassen gespeichert, aber es gebe Versuche, sie durch Profilbildung und Kategorisierung immer weiter zusammenzuführen. Nicht zu vergessen staatliche Stellen, die ebenfalls Interesse haben, auf diese Daten zuzugreifen – legal und auch illegal, wie in den letzten zwei Jahren immer wieder enthüllt wurde. „Es wäre wichtig, dass es im Wettbewerbsrecht zukünftig auch Überprüfungen mit Blick auf die Datenkonzentration eines Unternehmens geben würde, um zu schauen, ob wettbewerbsschädliche Monopole vorliegen“, meint Malte Spitz. Wenn hier Kriterien erarbeitet werden, die eine Bewertung dieser Daten ermöglichen, würde uns das die nächsten Jahre weiterbringen, ist sich der Politiker sicher. Wer zum Beispiel mit Google Now die Termine organisiert, E-Mails mit Gmail schreibt, für die Fahrtenplanung Maps nutzt und mit Googles Suchmaschine recherchiert, dem muss klar sein, wie viel ein einziger Konzern über ihn weiß.

Daten gelten als wichtigster Rohstoff der heutigen Zeit. Öl, Gas oder Erze kosten Geld. Wer sie haben möchte, muss dafür bezahlen. Lohnt es sich also, für einen zugegebenermaßen praktischen Dienst, der das organisatorisch anstrengende Alltagsleben vereinfacht – dessen Stressfaktor in erster Linie durch das ständige Online-Sein so rasant zugenommen hat –, einem Unternehmen derart viele private Informationen anzuvertrauen? Spräche uns auf der Straße jemand an und wollte für 50 Euro unsere Kalenderdaten einsehen, sämtliche Adressen unserer Kontaktliste und unsere E-Mail-Korrespondenz – wie würden wir reagieren? Wie viel müsste diese Person bieten, damit wir ihr Einsicht in diese Informationen gewähren? Solche Überlegungen können eine Vorstellung davon vermitteln, welchen Wert persönliche Daten haben. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, formulierte der Philosoph Immanuel Kant vor 231 Jahren. Angesichts der digitalen Revolution hat dieses Wort auch heute seine volle Gültigkeit: Den Kopf in den Sand zu stecken, ist wohl keine Lösung. Auf dem Weg zur informationellen Selbstbestimmung braucht es Eigenengagement. Im Rahmen der industriellen Revolution waren Gewerkschaftsgründungen eine wichtige Antwort. In der digitalen Revolution könnte der Zusammenschluss von Verbrauchern an ihre Stelle treten, um Marktmacht auf Plattformen zu bündeln. Ob die Verbraucherplattformen der Startups hier ein erster Schritt sein können, wird sich zeigen. Dass es eine Gegenbewegung gegen die einseitige Ausbeutung von persönlichen Daten geben wird, ist für Spitz klar – es frage sich eben nur, wann und wie umfassend. „Ich würde mir wünschen, dass diese Bewegung möglichst schnell Fahrt aufnimmt. Um das Internet und die digitale Lebenswelt zurückerobern zu können, muss der Weg von abgeschlossenen Systemen hin zu Open Source führen“, plädiert Malte Spitz. Am Ende ginge es wie so oft darum, den berühmten „inneren Schweinehund“ zu überwinden. Mittlerweile gibt es so einige Alternativangebote, bei denen die Privatsphäre großgeschrieben wird, die dafür aber manchmal auch Geld kosten. Als Suchmaschinen haben sich zum Beispiel DuckDuckGo.com und Ixquick.com etabliert, die deutsche Open-Xchange AG tritt mit ähnlicher Funktionalität wie Microsoft Exchange an. Digitale Emanzipation könnte auch so aussehen, dass die Nutzer sich an die Grundprinzipien des Internets erinnern und sich diese zunutze machen. „Das Internet ist gerade so angelegt, dass jeder seinen eigenen Server haben und dort Dokumente ablegen kann“, schlägt Malte Spitz vor. Als Anwender könne man zudem konsequent schauen, welche Angebote sich so konfigurieren lassen, dass bestimmte Daten auf dem eigenen Rechner oder Smartphone bleiben können.

Autorin: Daniela Hoffmann

Foto: Marcus Sümnik

Wer wirklich wissen möchte, wer welche Daten über ihn speichert, hat bereits heute gemäß der deutschen Datenschutzverordnung einen rechtlichen Anspruch auf Auskunft gegenüber staatlichen und privatwirtschaftlichen Stellen. Weil nur wenige Menschen bisher davon Gebrauch machen, herrscht bei Anfragen auf Seiten der Unternehmen, Datenschutzexperten zufolge, oft betretenes Schweigen. Häufig sind keine Prozesse vorhanden, um die Antwort, in welchen Datenbanken welche Informationen gespeichert sind, überhaupt – geschweige denn automatisiert – zu generieren. Trotzdem: Datenschutz und Transparenzkultur werden derzeit als Wettbewerbsvorteil für Unternehmen immer wichtiger. 

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