Scheingeschäft

Wer in Deutschland mit seinem Smartphone bezahlen möchte, muss Taxi fahren. Dort klappt Mobile Payment – aber nur mit Apps wie Mytaxi. An der Supermarktkasse: Fehlanzeige. Die Beharrungskräfte sind zu groß und Bargeld bei Verbrauchern populärer denn je.

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Es ist ein schöner Traum: Wer an der Supermarktkasse bezahlt, muss kein Bargeld und auch keine Giro- oder Kreditkarte zücken. Er hält einfach das Smartphone an ein Lesegerät – und schon wird der Kaufpreis via Kurzstreckenfunk (NFC) an den Händler gesendet. So einfach sich dieses Szenario beschreiben lässt, so schwierig gestaltet sich seine Umsetzung jedoch in der Praxis: Obwohl seit Jahren in der Diskussion, steckt Mobile Payment in Deutschland noch immer in den Kinderschuhen. Zu unübersichtlich ist der Markt, zu gering seine Verbreitung im Handel. Nach neueren Untersuchungen der Consultingunternehmen Mücke, Sturm & Company und How2Pay sollen nur etwa 60 000 Kassen hierzulande mit der notwendigen Hardware und Software ausgestattet sein. Damit bleibt Bezahlen per Handy in der Nische und Kunden werden keinen Grund sehen umzusteigen. Laut einer Bundesbankstudie aus dem letzten Jahr zahlen lediglich zwei Prozent der Befragten mit ihrem mobilen Gerät. Groß ist dagegen die Zahl der Leute, die überhaupt noch nichts von dieser Möglichkeit gehört haben: 41 Prozent.

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Für Investoren gilt der Markt dennoch als interessante Wette auf die Zukunft: Das Berliner FinTech-Startup Cookies etwa hat von einem Konsortium unter Beteiligung von Holtzbrinck Ventures 1,5 Millionen Euro als Anschubfinanzierung bekommen. Ob das gutgeht? Bei Yapital war das nicht der Fall: Das im Sommer 2013 von der Otto Group gestartete Bezahlsys-tem ist im Januar 2016 mangels Akzeptanz sanft entschlafen. Die meisten Verbraucher meiden das Unbekannte und zahlen lieber konventionell. Fast alle Bundesbürger über 16 Jahren besitzen ein Girokonto und damit auch die kostenlose Plastikkarte, die ihnen bargeldloses Zahlen ermöglicht. Diese flächendeckende Verbreitung muss ein neues Zahlsystem erst einmal erreichen. Eine Vielzahl von Startups und die Systeme der IT-Riesen wie Apple Pay oder Google Wallet buhlen zwar um Nutzer, blockieren sich aber gegenseitig. Der Handel zögert: Zu hoch erscheinen die Investitionen in die technische Ausstattung, im Hintergrund fehlt es an Standards bei der Abwicklung. Und dann gibt es noch den zweiten großen Smartphone-Gegner: das Bargeld. Es ist in Deutschland weit verbreitet, stärker als in vielen anderen Ländern. Die Schweden zum Beispiel verzichten weitgehend auf Barzahlungen. Die Redensart „Nur Bares ist Wahres“ dagegen belegt den starken finanziellen Konservatismus der Deutschen. Der überträgt sich offenbar auch auf die digitale Generation, wie eine Studie des Bankenverbands herausfand. Das interessante Ergebnis: Gerade junge Menschen sind in Finanzdingen eher konservativ geprägt. Sie legen überdurchschnittlich viel Wert auf Sicherheit und sehen sie bei mobilen Zahlverfahren nicht unbedingt verwirklicht. Kein Wunder, dass das Mobile Payment nicht in die Gänge kommt.

Allerdings: In der Nische gibt es erste Nischen – und die wachsen. Anbieter-Apps mit integrierter Zahlungsfunktion erfreuen sich steigender Beliebtheit. Laut der Studie von Mücke, Sturm & Co sind von den insgesamt 15 Payment-Anbietern vor allem solche wie Handy-Ticket oder Mytaxi erfolgreich. Hier sind  viele Kunden offensichtlich eher bereit, das Smartphone als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Wer unterwegs oft Fahrpläne abfragt, ist leicht vom Mehrwert der Ticket-App zu überzeugen. Auch Taxi-Kunden ist Mytaxi leicht zu vermitteln. Und die Starbucks-Card erweist sich bei regelmäßigen Besuchen im Kaffeehaus als praktisch, weil bei jeder Zahlung automatisch Bonuspunkte verbucht werden. Doch an der Supermarktkasse den Wochenendeinkauf per Handy bezahlen will nur eine Minderheit – lediglich ein Drittel aller Deutschen kann sich das vorstellen, hat eine Umfrage des Hightech-Verbandes Bitkom ergeben. Verbrauchern ist vor allem die Tatsache unheimlich, dass selbst die kleinste Zahlung genau aufgezeichnet und protokolliert wird. Ein anonymer Einkauf wie mit Münzen und Scheinen ist mit einer Bezahl-App nicht möglich. Die übergroße Mehrheit fürchtet um ihre digitalen Daten. Regelmäßig werden Sicherheitslücken aufgedeckt, vor einiger Zeit beispielsweise in Visa-Karten mit NFC-Chip. Das ist Anti-Werbung pur. Schon immer waren Zahlungsdaten Risiken ausgesetzt, in Zukunft werden alle Transaktionsteilnehmer vor noch größere Herausforderungen gestellt, wenn sie alternative Bezahlmethoden sicher machen wollen. Oft fehlen Ressourcen, Technologie-Knowhow und Fachkräfte. Weil aber nach einer alten volkswirtschaftlichen Grundregel gerade der Finanzmarkt in erster Linie auf Vertrauen basiert, wird Mobile Payment vorerst dort bleiben, wo es derzeit steht: in der Nische.

Autor: Ingo Steinhaus

Foto: Flickr/vonderauvisuals

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