Weg mit der Monotonie

In vielen Arbeitsbereichen ist künstliche Intelligenz auf dem Vormarsch. Die einen fürchten, ihren Job an schlaue Roboter zu verlieren. Die anderen können es nicht erwarten, von monotonen Routineaufgaben erlöst zu werden. Beides ist möglich.

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Ein Algorithmus wird Vorstand – diese Nachricht sorgte vor knapp zwei Jahren für Aufsehen. Deep Knowledge Ventures, ein Investmentunternehmen in Hongkong, hatte mitgeteilt, einen Algorithmus namens Vital (Validating Investment Tool for Advancing Life Sciences) in sein Management Board zu berufen. Seither gibt das beste Roboter-Expertensystem der Branche Anlageempfehlungen auf Basis von Finanzdaten, klinischen Versuchen und geistigem Eigentum. Vordergründig kann die ungewöhnliche Maßnahme als gelungenes Selbstmarketing gelten. Auch sonst gibt sich Dmitry Kaminskiy, Chef und Gründer von Deep Knowledge Ventures, gerne vollmundig. So lobte er zum Beispiel eine Million US-Dollar Preisgeld für den Menschen aus, der zuerst 123 Jahre alt wird. Seine Firma möchte nämlich Geld damit verdienen, das Altern zu verlangsamen. Schmallippiger gab sich Kaminskiy dagegen auf Fragen von business impact, wie die Erfahrungen mit dem „Kollegen Algorithmus“ im Vorstand denn aussehen. Dazu wollte er keine Auskunft geben. Immerhin hat Deep Knowledge Ventures laut seiner Website inzwischen weitere Maschinenlernprogramme in sein „Team“ aufgenommen: Fintech AI, Spock und Nanotech AI heißen die drei.

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Künstliche Intelligenz (KI) ist auf dem Vormarsch, selbst dort, wo das vor wenigen Jahren noch nicht vorstellbar war. Startups haben Programme entwickelt, die automatisch Nachrichten von der Börse oder mit Sportergebnissen schreiben. Nun nehmen diese Firmen Banken und Finanzdienstleister ins Visier. Über 70 Prozent des amerikanischen Börsengeschehens vollzieht sich bereits automatisiert. Die KI-Programme nutzen Daten aus Akten, Datenbanken und internen Dokumenten, um die Informationen mit Algorithmen für Firmenpräsentationen und Produktbeschreibungen zusammenzustellen. Sogar auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos wurde KI stark diskutiert. Für hohe Aufmerksamkeit sorgte eine Studie des Forums, wonach bis 2020 fünf Millionen Arbeitsplätze weltweit durch Roboter und intelligente Software verloren gehen könnten. Hauptsächlich wird es sich um Verwaltungstätigkeiten und Managementaufgaben handeln. Doch auch andere Bereiche wie Buchhaltung und das Gesundheitswesen könnten betroffen sein. Fachleute halten die negative Prognose der Davoser Studie für übertrieben und verweisen auf Untersuchungen, die zu anderen Ergebnissen geführt haben. „Es entstehen auch neue Jobs durch KI. Das war bei früheren Technologiesprüngen auch so“, sagt Henning Kagermann, Präsident von Acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. Als Ex-Vorstandschef von SAP verweist er auf die dortige Erfahrung: „Buchhalter wurden wegrationalisiert. Dafür wurden neue Jobs im Kontakt mit den Kunden geschaffen.“ Wegfallen werden vor allem automatisierbare Routinetätigkeiten in der Verwaltung. Das wird viele Sachbearbeiter betreffen. „Wir brauchen einerseits dringend Nobelpreisträger und andererseits Handwerker im Haushalt oder Friseure. In der Mitte werden jedoch viele Jobs durch Automatisierung ersetzt werden“, sagt Reinhard Karger, Sprecher des Deutschen Forschungszentrums für künstliche Intelligenz (DFKI).

Der Mensch wird in der Arbeitswelt von morgen andere Tätigkeiten aus-üben. Monotone Aufgaben und schwere Arbeitsbedingungen fallen dann weg. „Das Anforderungsprofil ändert sich. IT-Kompetenz, Kreativität und das Verständnis von interagierenden Systemen und Vernetzung wird wichtiger werden. Das ist hochbrisant für Angelernte und Geringqualifizierte“, prophezeit Constanze Kurz, im IG-Metall-Vorstand zuständig für Maschinenbau, Technologie- und Innovationspolitik. Hochqualifizierte wie zum Beispiel Ärzte können sich ihren Patienten stärker widmen, weil die künstliche Intelligenz ihnen Verwaltungsarbeit abnimmt. Wie stark sich die Tätigkeit ändert, zeigt das Beispiel der Berufskraftfahrer. Daimler plant, bis 2025 selbstfahrende Lkw auf die Straße zu bringen. Der Fahrer wird aber nicht wegrationalisiert, er fährt dann als Beifahrer mit. Die Frage wird sein: Was macht der Mensch besser? „Maschinen produzieren Fastfood, aber im Restaurant arbeiten Menschen, weil die Kunden das wollen“, sagt Karger. Er sieht Chancen für menschliche Arbeitskräfte, „wenn sie ihr Menschsein ins Zentrum stellen und nicht als Werkzeug arbeiten, das ist doch eine sensationell tolle Entwicklung!“. Eine breite gesellschaftliche Debatte über Chancen und Risiken ist nötig. „Es stellen sich ethische Fragen: Wer trägt die Verantwortung, wenn Maschinen Unvorhersehbares ausführen? Wie schaffen wir es, dass Menschen die Kontrolle behalten? Gerade bei Unfällen stellen sich Rechtsfragen. Der Gesetzgeber ist gefordert. Andererseits: Wie offen sind wir im Vergleich zu den USA für das Experimentieren?“, fragt Kagermann. Dieser Aspekt ist auch Karger wichtig: „Wir müssen eine neue Kultur- und Verhaltenstechnik erlernen, damit sich nicht viele in eine nostalgische Verehrung des 20. Jahrhunderts verabschieden. Wir müssen Neugier als Lebenshaltung feiern. Die Jugend hat das, aber Erwachsene verlieren es.“

Autor: Ulrich Hottelet

Fotos: Daimler, Shutterstock/Sophon Mungmeetanawong